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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



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Dmitri Schostakowitsch

Streichquartette Nr. 1 bis 15

Emerson String Quartet

Deutsche Grammophon 0 28946 32842 2
(1994 - 1999) 5 CDs

Wohl kaum ein kammermusikalischer Zyklus trägt so privaten, gelegentlich autobiografischen Charakter wie die fünfzehn Streichquartette von Dmitri Schostakowitsch. "Kammer"musikalisch sind diese Werke sogar im doppelten Sinn: Was der Komponist in seinen "öffentlichen" Werken, zu denen auch die Sinfonien zählen, wegen des Drucks, den das Sowjetregime auf ihn ausübte, nicht sagen konnte oder durfte, das musste er zu Hause, "im stillen Kämmerlein", formulieren – eben in den Quartetten, die dann auch zum Teil lange warten mussten, bis sie aufgeführt werden konnten.
In früheren, russischen Einspielungen der Schostakowitsch-Quartette, etwa mit dem Borodin-Quartett, wird der Bekenntnischarakter dieser Quartette mit Emphase und emotionalem Überdruck vertreten. Das amerikanische Emerson String Quartet agiert hingegen aus einer gewissen Distanz heraus; bei ihnen sind die Quartette vor allem eines: absolute Musik. Das zeitigt zum größten Teil positive Ergebnisse – indem die kompositorische Substanz der Werke auch über ihre Bedeutung als musikalisches Tagebuch hinaus deutlich gemacht wird.
An instrumentaler Virtuosität sind die Emersons nicht zu übertreffen; die Rasanz, mit der sie die Fuge des Siebten Quartetts, einem von Schostakowitschs zahlreichen musikalischen Wutausbrüchen, angehen, ist atemberaubend, ebenso wie der Klangfarbenreichtum in den späteren Quartetten. Einige der Werke, etwa das Fünfte oder auch das stachlige Zwölfte Quartett, sind in ihrer Interpretation unübertroffen.
Gelegentlich mangelt es dem Emerson String Quartet jedoch am Sinn für Zwischentöne, besonders in jenen Passagen, in denen eine scheinbare Heiterkeit waltet, hinter der sich jedoch Abgründe verbergen, etwa dem Kopfsatz des Ersten oder den beiden ersten beiden Sätzen des Dritten Quartetts. Hier agieren die Emersons zu vordergründig, realisieren nur den Notentext – dies natürlich brillantissimo. Eine Reserviertheit des Ausdrucks ist auch in den beiden erschütterndsten Quartetten Schostakowitschs spürbar – dem Achten, seiner musikalischen Autobiografie, und dem völlig desolaten Fünfzehnten, einem Klagegesang in sechs Adagio-Sätzen. Dort schlägt, wenn auch nur gelegentlich, Sachlichkeit in Glätte um. Die Interpretationen des Borodin-Quartetts, aber auch die völlig unterbewertete Aufnahme des Brodsky-Quartetts (Teldec), meiner Meinung nach die beste der neueren Einspielungen dieses Zyklus, sind hier zu bevorzugen.

Thomas Schulz, 08.06.2000



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