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N° 1260
02. - 08.07.2022

nächste Aktualisierung
am 09.07.2022



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Jazz On A Summer's Day

Diverse

Charly/Edel 8 03415 90017 6
(170 Min., 7/1958) 1 DVD

Ist die Besprechung dieses Meisterwerks überhaupt nötig? Jeder Jazzfreund, den ich kenne, kennt auch dieses Monument der Dokumentarfilmgeschichte. Es ist der vielleicht schönste Jazzfilm, mit Sicherheit aber den schönste Film, der je von einem Jazzfestival gedreht wurde.
Selten gingen Bild und Ton eine so rundum überzeugende Einheit ein, wie an einem sehr heißen Sommertag des Jahres 1958. Was für ein Jahr! Die Pioniere des Jazz waren noch aktiv, die Väter der Avantgarde schon kreativ, und das Mittelfeld auf der Höhe. Dies alles an einem Tag zu präsentieren scheint unmöglich, und doch gelang es dem Newport Jazz Festival, mit Giganten aus fast allen stilistischen Lagern aufzuwarten. Die Eckpunkte sind die Louis Armstrong All Stars mit Jack Teagarden, die für die Tradition stehen und das Chico-Hamilton-Quintett mit Eric Dolphy, mit dem sich die Avantgarde zu Wort meldet.
Mit Thelonious Monk und Sonny Stitt ist der Bop vertreten, mit Jimmy Giuffre und Gerry Mulligan der Cool Jazz, mit Dinah Washington und Anita O'Day der Vokaljazz, mit George Shearing der Latin Jazz, mit Eli's Chosen Six der Dixieland, mit Big Maybelle der R & B, mit Chuck Berry der Rock 'n' Roll und mit Mahalia Jackson der Gospelgesang. Es ist ein hervorragender Querschnitt der musikalischen Tendenzen jener Zeit.
Ein Glücksfall ist es, dass nicht nur diese Künstler gefilmt wurden, sondern dass die meisten von ihnen dabei in jenem gesegneten Zustand angetroffen wurden, als sie von der Muse geküsst wurden. Wer Zweifel daran hat, ob die Musik auch ohne den Film hörenswert sei, lege nur die der DVD beigefügte Soundtrack-CD ein. Aber natürlich wirkt ein Film nicht zuletzt durch die Bilder. Keiner, der den Film gesehen, vergisst Anita O'Days eleganten Hut oder die vor Newport segelnden Schiffe. Selten war auch das Publikum so sehr Held eines Jazzfilms: die spielenden Kinder, der den Kollegen mit Interesse verfolgende Musiker, die ausgelassen Tanzenden und immer wieder Menschen, die trunken vor Glück scheinen ...
Viele von ihnen sorgen für humoristische Schmankerl, so das ungeniert mit offenem Mund Kaugummi kauende Mädchen oder eine Frau, deren Hut sich immer dann selbstständig macht, wenn sie durch ihre Kamera sieht. Sind die (gar nicht so zahlreichen) Besucher, deren Emotionen so gut eingefangen wurden, die heimlichen Helden des Films, so gilt dies auch für den Betrachter des Films: Die Eindrücke bleiben so gut haften, als sei man selbst dabei gewesen.
Der Fotograf Bert Stern drehte diesen, seinen einzigen Film. Er war in Deutschland meist in einer deutschen Fassung zu sehen, die um einige recht überflüssige Kommentare eines deutschen Sprechers ergänzt worden war, die nur von der Stimmung ablenkten. Schön, dass wir es hier mit der kommentarlosen Originalgestalt zu tun haben. Der Benutzer der DVD braucht deswegen noch lange nicht auf Hintergrund-Informationen zu verzichten; sie sind zusätzlich abrufbar. Aufschlussreich ist das Interview mit Stern. Da erfahren wir, dass das Festival ursprünglich nur den Hintergrund zu einer Liebes-Story abgeben sollte. Wir haben es der Unerfahrenheit Sterns zu danken, dass es "nur" ein Dokumentarfilm wurde.

Marcus A. Woelfle, 20.12.2001



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