Schönberg hat in seinem "Pierrot Lunaire" der Sängerin eine knifflige Aufgabe gestellt. Manche Noten sind zwar mit einer präzisen Tonhöhe notiert (die auch aus dem musikalischen Zusammenhang heraus notwendig ist), sollen aber dennoch wie gesprochen klingen: Der Pierrot ist in manchem Teil ein Sprechtext zu Musik oder, wie es früher hieß, ein "Melodram". Das Sprechen für die Bühne ist damals indes sehr viel stärker der Satzmelodie verpflichtet gewesen als heutzutage. Der "Pierrot" klingt also inzwischen künstlich, egal, ob man ihn eher spricht oder singt. Wer gar nicht singen kann, hat es da vielleicht noch am leichtesten: etwa Leonard Bernstein, dessen Fernsehdemonstration des Werks mir gerade wegen ihrer Mischung aus Begeisterung und mangelnder Gesangsbegabung in nachdrücklicher Erinnerung geblieben ist.
Anja Silja nun schlägt sich, anders als Bernstein, arg auf die Seite des Gesanges, ihr ist er schließlich auch gegeben. Das ist legitim, aber auch ein wenig fad. Spannender wird die Angelegenheit, wenn das Stück behutsam an heutige Sprechkultur herangeführt wird, wie dies Christine Schäfer vorgemacht hat (siehe Kritik). Ihre Begleiter unter der Leitung von Pierre Boulez schärfen die Klangrede Schönbergs zudem in sehr viel zupackenderer Manier als hier die Musiker des Philharmonia-Orchesters. Auch klangtechnisch etwas diffus gerät dem Orchester (in voller Besetzung) Schönbergs Tondichtung "Pelleas und Melisande".

Stefan Heßbrüggen, 31.08.2000



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