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Camille Saint-Saëns

Sämtliche Werke für Klavier und Orchester

Stephen Hough, City of Birmingham Symphony Orchestra, Sakari Oramo

Hyperion/Koch CDA 67331/2
(156 Min., 1/2000, 9/2000) 2 CDs

Fragen sie einmal einen Pianisten, was perfektes Klavierspiel ist. Nicht unwahrscheinlich, dass er den Namen Stephen Hough nennt. Houghs Gesamteinspielung aller Saint-Saëns-Konzerte ist vollkommen - so vollkommen, dass wir nicht bloß Virtuosen-Kletterbäume anstaunen, sondern verzaubert werden und immer weiterhören wollen.
Feinmechaniker unter den Pianisten haben diese teilweise bösartig schweren Konzerte immer geschätzt, mochte Saint-Saëns Stern auch fast unter den Horizont gesunken sein.Wohl bei keinem anderen Komponisten findet sich häufiger die Forderung "leggierissimo". Dieses schwerelose, absolut akkurate Abstauben der Tastatur in endlosen Zweiunddreißigstelgängen lässt manchen Pianisten die Zähne zusammenbeißen, und vorbei ist's mit dem mühelosen Perlen, auf das ganze Generationen französischer Pianisten gedrillt wurden.
Drill machte das Unglaubliche möglich: die einundzwanzigjährige Jeanne-Marie Darré spielte 1926 alle fünf Konzerte an einem Abend. Hört man Hough im Finale des vierten Konzertes, würde man ihm diesen Marathon auch zutrauen. Da sind sie zu bestaunen, diese vollendet leichtgängigen Skalen, jedes Tönchen rund und glänzend. Ein Gebieten über höchstes Ebenmaß, das Saint-Saëns, dem Meister eiskalt-schnurrender Fingertechnik, sicher gefallen hätte.
Doch Hough will nicht den unterkühlten Perfektionisten geben, als Brite leidet er ohnehin unter diesem Klischee. Durch das Tarantella-Finale des zweiten Konzertes jagt er in einer irrwitzigen Geschwindigkeit (Rekordzeit) und spielt sich im Rausch an alle Grenzen, denn bei der schrecklichen Doppeloktavstelle muss - wie menschlich - auch ein Stephen Hough mächtig bremsen. Doch selbst hier keine Rauheiten, keine Härten.
Handwerklich ist diese Aufnahme eine Sensation. Doch sie ist ungleich mehr. Ein poetisches Wunder. Hough gelingt es, einen versponnenen Dichter in den Kulissen dieser eklektischen Spieldosenmusik aufzuspüren. Ein so herrliches Stück wie das fünfte Konzert weckt er aus dem Schlaf ewiger Ungespieltheit. Im ersten Satz scheint Saint-Saëns uns einmal in sein Herz blicken zu lassen, aber als wolle der Komponist es vergessen machen, folgt einer der bizarrsten Sätze überhaupt, ein schräger Potpourri mit Imitationen exotischer Instrumente, darunter ein Gamelan-Orchester. Mit der Palette des großen Koloristen malt es Hough und scheint in sich hineinzulächeln dabei, man hört immer wieder hingerissen und schämt sich fast ein wenig gegenüber Madame Darré, denn am liebsten würde ich Hough den Referenz-Lorbeer zusprechen.

Matthias Kornemann, 07.02.2002



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