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Camille Saint-Saëns

Le déluge, La lyre et la harpe, La nuit u.a.

Natalie Dessay, Hélène Perraguin, Daniel Galvez-Vallejo, Philippe Rouillon u.a., Orchester der Îl-de-France, Jacques Mercier

RCA/BMG 74321 777747 2
(134 Min., 11/1990, 6/1993) 2 CDs

Warum die Uraufführung des biblischen Oratoriums „Le déluge“ (die Sintflut) im März 1876 eine Saalschlacht ausgelöst haben soll, ist heute nicht zu begreifen. Das Steigen der Fluten war eine kompositorisch reizvolle Vorlage, die Saint-Saëns aber nicht auf eine Weise löste, die die damaligen Hörer erschrecken konnte. Eher enttäuscht es uns Heutige, einen Untergang in Dur zu hören. Aber was für ein fahles, unheimliches Dur ist das schon zu Beginn! Wie viel Ausdruckskraft liegt in dem übermäßigen Akkord, der am Ende über den beruhigten Wassern schwebt! Saint-Saëns presst viel Ausdruck aus seinen gewöhnlichen Stilmitteln.
Diese Musik lässt mich an das Paris denken, das der Baron Haussmann uns Späteren zur Bewunderung hinstellte. Es ist einfach großartig, was auch der zugeben muss, der die wirkungsbedachte Anleihenrhetorik der Fassaden wie ein Buch liest. Den polyfonen Streichorchesterbeginn der „Sintflut“ etwa kann man als eine kunstvolle Bach-Huldigung lesen. Ein Wurf im großen Stil sollte das Werk werden, aber kein pompöses Spektakel, sondern von dauerhafter handwerklicher Solidität – und so wird es vom Orchester der Île-de-France unter Jacques Mercier auch mit abgeklärter, meisterlicher Genauigkeit vorgeführt. Selbst das zehnminütige Flut-Crescendo ist wunderbar transparent gehalten. Und wie laden nicht große, unbekannte Werke zu Al-fresco-Pfusch ein ...
Ebenso typisch für das Frankreich der dritten Republik ist die oratorische Victor-Hugo-Vertonung „La lyre et la harpe“. Da vereinen sich mit barockisierendem Sakralstil und Wagner-Anklängen die Pole damaligen Kunstgeschmacks musikalisch ausgesprochen abwechslungsreich. Doch auch die entspannten, wirkungsvergessenen Nebenwerke sind von einigem Charme – weit versteckter marschieren da Saint-Saëns Kunstmittel auf. „La nuit“ zehrte 1900, also vierzehn Jahre nach Debussys hinreißend dekadenter „Damoiselle élue“ noch von deren Duft nach Weihrauch und Lilien. Eine solche Décadence-Fingerübung hätte ich Saint-Saëns gar nicht zugetraut. Hier füllt ein lohnendes Raritätenprogramm die Kataloglücke.

Matthias Kornemann, 15.02.2001



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