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Lift: Live At The Village Vanguard

Chris Potter-Quartet

Emarcy/Universal 9817788
(76 Min., 12/2002) 1 CD

Es ist sehr unfair. Wenn von den bemerkenswertesten Saxofonisten der jüngeren Jazzgeneration die Rede ist, fallen eigentlich immer nur Namen wie Joshua Redman oder James Carter. Chris Potter, der 1971 in Chicago geborene weiße Wunderknabe, taucht, wenn überhaupt, nur am Rande des Diskurses auf. Man kennt ihn als Sideman bei Dave Holland; vielleicht hat man ihn auch auf dem Steely-Dan-Reunion-Werk "Two Against Nature" aus dem Jahr 2000 gehört, wo er im Abschlussstück das wahrscheinlich längste Sax-Solo der Popgeschichte spielt.
Zwölf Alben hat Potter bereits unter eigenem Namen eingespielt. Seine Live-Aufnahme "Lift" sollte ihn aus der Sparte "Talent, das größere Beobachtung verdient", in die er von den Kritikern des "Down Beat" vor drei Jahren gewählt wurde, endgültig hinauskatapultieren. Potter ist ein reifer Meister, der an der Schnittstelle zwischen avanciertem Gegenwartsausdruck und intelligenter Traditionspflege agiert.
Bei dem Untertitel "Live At The Village Vanguard" denkt man natürlich zuerst an die Stars, die in der berühmten New Yorker Club-Institution Großes und Zeitüberdauerndes vollbrachten, an John Coltrane, Sonny Rollins, Bill Evans. Chris Potter gehört nun auch dazu. Sein Quartett macht weiter, wo die Altvorderen aufhörten. Da ist ein beständiges Experimentieren mit den Formen - etwa ein Blues in siebeneinhalb Takten oder das nervöse, 15-minütige Update von Charles Mingus‘ "Boogie Stop Shuffle" in 13 Vierteln. Dieses kraftvolle, mutige Ausprobieren überschreitet gleichwohl niemals die Grenze zur bloßen Pose der Destruktion. Es liegt an dem denkwürdig dichten Zusammenspiel der Gruppe. Pianist Kevin Hayes mit seinen seltsamen Rhodes-Manipulationen, Bassist Scott Colley mit seinem wunderweichen Ton und Schlagzeuger Bill Stewart mit seinen flüssigen Rhythmus-Asymmetrien sorgen dafür, dass der junge Bandleader wirklich alles anstellen kann, was ihm in den Sinn kommt. Und das ist durch die Bank erstaunlich. Chris Potter: ein Himmelsstürmer.

Josef Engels, 03.07.2004



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