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Dear Louis

Nicholas Payton

Verve/Universal Jazz 549 419-2
(68 Min., 9/2000, 10/2000) 1 CD

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Da lange umstritten war, ob Louis Armstrong am 4. Juli 1900 oder am 4. August 1901 geboren wurde, begann die Serie der Hommagen schon im Jahr 2000. Das große Problem: Wie soll man einen ehren, der ein Gigant war? Einige Spezifika seines Stils zu imitieren, würde die eigene Unvollkommenheit ins Zentrum zu rücken. Wer dagegen mit Neufassungen der größten Hits anrückt, läuft Gefahr, allenfalls einen oberflächlichen Bezug zum Geehrten herstellen zu können.
Genau das ist Nicholas Payton unterlaufen, einem 1973 in New Orleans geborenen Trompeter, der in den neunziger Jahren als Erbe Satchmos gefeiert wurde. Insofern ist verständlich, dass er auf seiner Platte "Dear Louis" außer im "West End Blues" darauf verzichtet, jenen harten, kraftvollen Ton ins Zentrum zu rücken, der ihm den Ruf eintrug, Armstrong so nahe wie kein anderer zu kommen. Stattdessen setzt er in "Hello Dolly" gar das Flügelhorn an die Lippen, und als Sänger vermeidet er in "I’ll Be Glad When You’re Dead, You Rascal You" jeglichen Bezug zu Satchmos raspelig-rauem Ton.
Auch stilistisch hält Payton mit gepflegten Mainstream-Arrangements für Combo oder eine kleine Big Band große Distanz zu Armstrong. Als Gast entführt Dianne Reeves "On The Sunny Side Of The Streets", und mit Dr. John begibt sie sich in den "Blues In The Night". Der wiederum übernimmt den Gesangspart in "Mack The Knife". Versteht sich, dass er dabei für ein starkes New-Orleans-Feeling sorgt. Auch in anderen Titeln greift Nicholas Payton auf die erdige Spielweise seiner Heimatstadt zurück. Andererseits unterlegt er "The Peanut Vendor" und "I’ll Never Be The Same" lockere Latinrhythmen.
Obwohl sich Nicholas Payton bereits vor Jahren in Gesprächen bestens über Armstrongs Spezifika informiert zeigte, verrät die CD nicht, wie tief er sich mit dessen Musik auseinandergesetzt hat. Letztlich dient die abwechslungsreiche Hommage vor allem dazu, die stilistische und klangliche Vielfalt herauszustellen, die sich Nicholas Payton in den letzten Jahren erworben hat. Dabei kam eine schöne, fast zu glatte CD heraus. Sie zeugt von Hochachtung, besitzt aber nicht die unabdingbare Energie, die Armstrongs Live- und Studioaufnahmen fühlen lassen.

Werner Stiefele, 26.04.2001



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