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Members, Don't Git Weary

Max Roach

Atlantic/Warner Jazz 812273618-2
(31 Min., 6/1968) 1 CD

Mit der Wiederveröffentlichung von "Members, Don't Git Weary" wird ein faszinierendes Album Max Raochs dem Vergessen entrissen. Der Pionier des modernen Schlagzeugspiels mit dem Bewusstsein für alles Politische und Soziale hatte schon 1960 mit seiner "Freedom Now Suite" Jazz-Geschichte geschrieben. 1968, als "Members, Dont Get Weary" erschien, lagen Hoffnungsträger wie Martin Luther King, Malcolm X und Präsident Kennedy bereits unter der Erde und die Bürgerrechtsbewegung hatte Aufmunterung nötig. Das Album war für Roach "eine Botschaft an die Leute, wo immer sie auch waren, den Kampf weiter zu führen und den Glauben zu bewahren, dass bessere Tage kommen würden."
Aber eine außermusikalische Botschaft zu haben ist selten ein Garant für gute Musik. Wurde "Freedom Now" mit der stimmgewaltigen Abbey Lincoln als Ganzes ein geniales Werk so wurde ausgerechnet der Animations-Titel-Song dieses Album mit dem Bariton Andy Bey - bei aller Intensität der Spiritual-artigen Predigt - die Schwachstelle eines im Übrigen mitreißenden Albums.
Kampfgeist, Entschlossenheit, Optimismus und Vitalität der reinen Instrumentalstücke allerdings teilen sich beflügelnd mit: "Abstrution" vom Pianisten Stanley Cowell ist ein wunderbar funkiges Stück, "Libra" ein spannender 11/4-Takter(!) des Altisten Gary Bartz, der hier seine zwischen Parker und Coltrane vermittelnde Persönlichkeit offenbart und der herausragende Solist des Albums ist. Cowells "Effi" erinnert in seiner Stimmung und in seinem 6/8-Takt an Coltranes Version von "My Favorite Things" und wirkt wie ein letzter Gruß an den Meister. Cowells Thema "Equipoise" überrascht mit seiner fast kanonartigen Machart, und "Absolutions" vom Bassisten Jymie Merritt, ist ein aufregender modaler Rausschmeißer in einem ungeraden Metrum.
Was für ein großartiger Trompeter Charles Tolliver war und vielleicht noch ist, machen diese Aufnahmen ebenfalls deutlich. Max Roach bleibt vermeintlich im Hintergrund, doch seine ordnende Hand (etwa seine Vorliebe für unkoventionelle Taktarten) ist überall spürbar.
Das Album zeugt von einer Dringlichkeit, die man in heutigen Produktionen so oft schmerzlich vermisst. Sieht man vom vereinzelten Einsatz des elektrischen Pianos ab, dessen Verwendung damals immerhin noch von Experimentiergeist zeugte bevor es in den siebziger Jahren zur lästige Mode wurde, hat sich das Album eine Frische bewahrt, die es trotz der Spielzeit von nur einer halben Stunde empfiehlt.

Marcus A. Woelfle, 16.12.2002



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