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Joan Albert Amargós

Eurídice y los títeres de Caronte

Claudia Schneider, Marc Canturri, Toni Rumbau, Barcelona 216

harmonia mundi HMI 987065
(61 Min., 01/2003) 1 CD

Die Idee, die Sage vom Sänger Orpheus als Oper neu zu erzählen und so einem alten Genre frischen Geist einzuhauchen, ist nicht neu: schon Monteverdis Orfeo war ein Remake. Joan Albert Amargós sowie sein Librettist, der Puppenspieler und Autor Toni Rumbau, haben sich dennoch an dem naheliegenden Stoff versucht. Nicht ganz ohne Erfolg: einige originelle musikdramatische Versuchsanordnung konnten sie ihm immerhin abtrotzen. So ist Euridice nun eine todkranke und von ihrem Mann unverstandene Opernsängerin, die sich gerade darauf vorbereitet, die Hauptrolle in der wieder aufgefundenen ersten Orpheus-Oper von Jacopo Peri zu singen. Ihr Mann, der Finder der Partitur, treibt sie an, ihre Krankheit durch volle Konzentration auf die Rolle zu überwinden: Orpheus wird also zum erfolgssüchtigen Musikprofi, der in seiner Hybris seine Seele verliert, symbolisiert in der Gestalt der geliebten Euridice. Die Sängerin hingegen findet ihre Seele: auf der Straße sieht sie ein Marionettentheater, dessen Puppen sie ansprechen. Von Pulcinella lernt sie, wie man den Tod verspottet. Sie muss aber auch erkennen, dass die halb possierlichen, halb unheimlichen Puppen ihre Sehnsucht nach Zärtlichkeit nicht zu erfüllen vermögen. Musikalisch bietet die Idee, moderne Menschen in einen Dialog mit den grotesk verzerrten Stimmen von Marionetten eintreten zu lassen, dankbare Anlässe für frische Klänge. Doch weder aus diesem Konflikt noch aus dem Kontrast zu den verfremdeten Zitaten aus Peris Oper entwickelt Amargós ein musikalisches Drama. Seine Musik bleibt zu illustrativ, um jenseits der Bühne bestehen zu können. Die Puppenspielszenen atmen dagegen zu wenig von der archaischen Kraft des rüpelnden Pulcinella, und der postmoderne Gesang der menschlichen Darsteller wirkt ebenso fade wie ihre Dialoge aus modernem Beziehungssprech ("Du bist zu sehr in dich zurückgezogen") und kitschverdächtigen Phrasen ("Ich wollt‘, ich führe durch traurige Meereswogen in einem Kahn voller Frohmut"). Erschwerend für den Komponisten wie die untadeligen Sänger kommt hinzu, dass der Librettist aus Orpheus letztlich doch keine lebendige Figur entwirft: letzterer ist ein notorischer Frauennichtversteher von der psychologischen Feinzeichnung eines Kaspertheaterkrododils.

Carsten Niemann, 01.12.1999



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