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Béla Bartók

Der wunderbare Mandarin (vollständig), Tanzsuite, Bilder aus Ungarn

Bournemouth Symphony Orchestra (& Chorus), Marin Alsop

Naxos 8.55 7433
(62 Min., 7/2004) 1 CD

"Dat jehört sofort verbooten!" Man hört ihn förmlich in seinem rheinischen Dialekt, den 50-jährigen Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, der 1926 Bartóks Ballett bzw. Pantomime "Der wunderbare Mandarin" gleich nach der Uraufführung in der Domstadt verbieten ließ: So viel Unzucht, gepaart mit hässlich-lauter "Musik" war dann doch zuviel für die konservativ-katholische Seele. (Das Werk wurde denn auch zu Bartóks Lebzeiten nicht mehr inszeniert und zumeist nur noch als verkürzte Orchestersuite aufgeführt). Solche vergangenen Abwehrreaktion mögen heute belächelt werden, dennoch hat Bartóks drittes und letztes Bühnenopus, das er bereits vor den 20er Jahren geschrieben hat, bis heute nichts von seiner Provokation verloren - jedenfalls dann, wenn es derart kompromisslos und "authentisch" präsentiert wird wie vom Bournemouth Symphony Orchestra unter seiner Leiterin Marin Alsop.
Schon der anfängliche Straßenlärm, den Bartók kunstvoll und naturalistisch zugleich in harsche Dissonanzen verpackt, verstört und stört im besten Wortsinn alle beschaulichen Erwartungen an Kunst als hehrer Charakterbildnerin oder schönem Bürgerzeitvertreib. Vielmehr hat Bartóks Landsmann, der expressionistische, der Freud'schen Psychoanalyse verpflichtete Schriftsteller Menyhért Lengyel, ein großstädtisches "Sittenbild" entworfen, das "unsittlicher" kaum sein könnte: Drei Gauner zwingen ein Mädchen, Männer in ihre ärmliche Vorstadtbehausung zu locken, wo sie ausgeraubt werden. Nach zwei unergiebigen Freiern betritt ein reicher Chinese die Stube. Während ihres ängstlich vorgetragenen Tanzes vor dem eigenartigen Fremden stürzen die Gauner hervor, rauben ihn aus, versuchen ihn zu ersticken und zu erstechen und hängen ihn schließlich auf - vergebens, der Mandarin lässt den Blick nicht von seiner Geliebten. Erst als diese sich ihm hingibt, stirbt er.
Die seit drei Jahren in Bournemouth tätige, u.a. bei Bernstein und Ozawa ausgebildete New Yorker Dirigentin nimmt Bartók geradezu revolutionäre, avantgardistische, mit Strawinskys "Sacre" durchaus vergleichbare Tonsprache nichts von ihrer Schroffheit und fratzenhaften Gestik - vor allem das grelle Blech darf (und muss) kräftig jeden Schönklang zerschneiden. Aber auch das Geheimnisvoll-Fremde, Beängstigende und das schließlich schmerzhaft sterbende Menschliche, das in der Gestalt des Mandarin aufscheint, erfährt unter ihren Händen höchst verständliche, dynamische, subtile Ausformungen.
In der Tanzsuite von 1923, die Bartók entgegen seinem "ultra-christlich-nazionalen" Auftraggeber, dem Stadt-Magistrat von und Buda und Pest, nicht als ungarisches Nationalopus (zur Gründung von "Budapest"), sondern gewissermaßen als "internationales" Werk anlegte, das auch andere südosteuropäische und vorderasiatische Folkloristik kennt - in dieser Suite legt Alsop ähnlich plastische, die Ausdrucksextreme nicht scheuende Deutungen an den Tag. Deutlich einfacher in der Struktur und heiterer im Charakter, darin nicht minder kurzweilig und farbig kommen schließlich die fünf Bilder aus Ungarn aus dem Jahr 1931 daher. Ergo: eine Bartók-Platte mit Referenzcharakter!

Christoph Braun, 01.10.2005



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