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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



Es ist die 1958 entstandene Aufnahme mit der Met-Uraufführungsbesetzung unter Mitropoulos (RCA/BMG), gegen die die vorliegende Neueinspielung von Samuel Barbers "Vanessa" antreten muss - und die ist wahrlich keine leichtgewichtige Konkurrenz mit ihrer Starbesetzung aus Eleanor Steber, Rosalind Elias und Nicolai Gedda. Noch vor der darstellerischen Qualität der einzelnen Interpreten allerdings gibt es bei Leonard Slatkins Neueinspielung ein prinzipielles Problem: Die Sängerstimmen wurden weitaus weniger direkt aufgenommen als bei der älteren Produktion und bleiben, egal welche Gesamtlautstärke der Hörer einstellt, gegenüber dem Orchester immer vergleichsweise blass. Das spiegelt möglicherweise die akustische Situation wieder, die man sich bei einer Aufführung im Opernhaus vorzustellen hat, macht es den Sängern allerdings deutlich schwerer, mit ihren Gestaltungsnuancen wirklich präsent zu sein. Dieser Umstand erschwert den direkten Vergleich beträchtlich bzw. lässt die Neueinspielung oft automatisch etwas unvorteilhafter dastehen, da ihr Gesamtklang für Emotionen und stimmliche Farben der Sänger weniger durchlässig ist.
Vor diesem Hintergrund entsteht der Eindruck, Rosalind Elias (Erika) habe über weitaus mehr Wärme, Intensität und Ausdruck verfügt als Susan Graham in der Neueinspielung: Ihre Version der von schmerzlichen Vorahnungen geprägten Arie "Must the winter come so soon?" kann mit derjenigen von Rosalind Elias kaum mithalten. Ähnlich verhält es sich mit der anschließenden Szene der Vanessa: Eleanor Steber vermochte die Mischung aus Leidenschaft und mühsam verborgener Angst, mit der sich Vanessa vermeintlich dem einstigen Geliebten Anatol nähert, offenbar deutlich authentischer darzustellen als Christine Brewer. Anatol wiederum erschien seinerzeit in Nicolai Geddas Interpretation auf treffliche Weise glatter, in seiner Vielschichtigkeit rätselhafter als in der Neueinspielung, die mit William Burden einen stimmlich ausgesprochen wohltimbrierten, aber in der Charakterisierung der Figur deutlich eindimensionaleren Sänger präsentiert. Kurzum: Man sollte wohl nach wie vor zur glücklicherweise seit einiger Zeit wieder erhältlichen historischen Einspielung greifen, wenn auch die Nachteile der vorliegenden Produktion zumindest teilweise der Technik anzulasten sind: Was hilft’s?

Michael Wersin, 14.05.2005



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