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Giovanni Valentini, Giovanni Priuli

"O Dulcis Amor Jesu" - Vesper am Wiener Hof

La Capella Ducale, Musica Fiata, Roland Wilson

Music For You/Sony SMK 87855
(75 Min., 10/1999) 1 CD

Bei den winzigen Pausen zwischen den einzelnen Tracks ist man ohnehin fast gezwungen, diese schöne CD als Meditations-CD hören, aber ganz so gelassen, wie das Coverfoto suggeriert, ist diese Musik dann doch nicht gedacht. Denn Kaiser Ferdinand II., Brötchengeber von Giovanni Priuli und Giovanni Valentini war sowohl ein eifriger Gegenreformator wie auch ein grüblerischer Mann, der sich in lustvoller Selbstzerfleischung in die Leiden Christi vertiefte.
Das merkt man auch der Musik seiner Hofkapellmeister an: Hinter vielen gediegenen Oberflächen mit ruhig stehenden harmonischen Flächen und sauberem Kontrapunkt verbirgt sich bei genauerem Hinhören viel rhetorisches Engagement und immer wieder bricht sich ein exaltiertes Entzücken über die "süße Liebe" des Mensch gewordenen Schmerzensmanns Jesu Bahn.
Katholische Heinrich Schütze sind die beiden Italiener nicht, und in den konventionelleren Passagen unterscheiden sich die beiden geistigen Nachfolger des Venezianers Gabrieli kaum. Doch immer wieder macht sich der spekulative Erfindergeist des jüngeren Valentini (er war unter anderem Virtuose auf einem "Cembalo cromatico" mit 19 Tönen pro Oktave) vorteilhaft bemerkbar: Sei es, dass das Wort "verstecken" von einer atemberaubenden harmonischen Rückung begleitet wird, oder sei es, dass er zwei nur entfernt verwandte Molltonarten wiederholt und unvermittelt aufeinandertreffen lässt.
Die Capella Ducale singt ihre chorischen wie solistischen Passagen mit nobler Klarheit, aber immer präsentem Gespür für tänzerische Bewegung und rhetorische Deutlichkeit. Die sehr unterschiedlichen Stimmcharaktere sind gut verteilt: Der sehr klar und jugendlich wirkende Alt von Werner Buchin findet ebenso seinen Platz wie Ralf Popkens Opern-geschulter Ausdruckscounter, während Markus Brutschers herrlicher Tenor mit trompetenhafter Klarheit glaubhaft Jenseitiges verkündet.
Man kann dieser Besetzung nur wünschen, dass sie noch über ein paar Jahre stabil bleibt. Sowohl im sprechenden Ausdruck wie in der Beweglichkeit ist die Musica Fiata den Sängern ein ebenbürtiger Partner, ein Fest feiern besonders die wendigen Zinken in Valentinis aufwändigem Magnificat.

Carsten Niemann, 31.10.2002



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