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Johann Wilhelm Wilms

Sinfonien op. 14, 23, 52, 58, Variationen über "Wilhelmus van Nassauwe"

Niederländisches Rundfunk-Kammerorchester, Anthony Halstead

Challenge Classics/SunnyMoon CC72147
(127 Min., 6/2000, 6/2001, 6/2002)

"Hätten Haydn, Mozart u. a. hier gelebt, sie würden das wol nicht geworden seyn, was sie waren; sie hätten hier den lieben langen Tag Unterricht geben müssen, wodurch ihr Genius, wo nicht erstickt worden, wenigstens abgemagert wäre." Verbitterung, sein eigenes kompositorisches Talent nicht bis zur Höhe ausgebildet zu haben, kann man aus den Worten des Wahlniederländer Johann Wilhelm Wilms (1772-1847) heraushören. Dabei hatte es der mit 19 Jahren aus Witzleben bei Solingen nach Amsterdam gezogene Organistensohn zur einer der bedeutendsten Persönlichkeiten des niederländischen Musiklebens gebracht. 1816 gewann er den Wettbewerb um die Komposition der niederländischen Nationalhymne (die allerdings 1898 durch das alte "Wilhelmus van Nassaue" entthront wurde). Neben seinem Wirken als Komponist und Virtuose tat sich Wilms durch ein vielfältiges gesellschaftliches Wirken als Orchestergründer, Juror, Lehrer, Konservatoriumsmitglied und Streiter für eine bessere Stellung der Berufsmusiker hervor.
Energien für kompositorische Innovationen, zum Entwickeln eines unverwechselbar eigenen Tons blieben Wilms bei seinem vielfältigen Wirken wenig. Dennoch sind seine besten Werke zu gut gearbeitet, um bei Seite gelegt zu werden. Deutlich hörbar von Mozart und vor allem Haydn ausgehend lässt sich Wilms auch von den neuen Tönen üppig instrumentierter französischer Revolutionsmusik sowie von Beethoven inspirieren. Das ist frisch und vergnüglich anzuhören, zumal Anthony Halstead und sein Orchester die akademisch-klassisch geformten Strukturen durchsichtig, intonationsrein und belebt darbieten. Den Sprung vom geschickten Sinfonienbastler zum eigenständigen Talent gelingt Wilms in den früheren drei der hier eingespielten vier Sinfonien allerdings nur selten, etwa wenn er sein schlichtes Material bei der Durchführung in ein Wechselbad kräftiger kontrastierender harmonischer Farben taucht. Ein wenig anders verhält es sich mit der Sinfonie in d-Moll op. 58, mit der Wilms 1820 den Preis der Gesellschaft der Schönen Künste Gent errang: Hier lässt sich der Klassiker Wilms in Harmonik und Struktur ein wenig zu romantischer Gebrochenheit und Irrationalität hinreißen. Diesen versteckten Wesenszug von Wilms arbeitet Halstead leider kaum heraus und so muss der erste Preis für die Interpretation des Werks nach wie vor an die Aufsehen erregende, weitaus feinnervigere, farbenreichere Einspielung von Concerto Köln gehen.

Carsten Niemann, 10.11.2006



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