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Kurt Weill

Der neue Orpheus, Konzert für Violine und Blasorchester

Carole Farley, Michael Guttman, Rheinische Philharmonie, José Serebrier

ASV/Koch DCA 987
(64 Min.) 1 CD

“Der neue Orpheus” lebte im Berlin der zwanziger Jahre. Zu Gestalten wie Franz Biberkopf war er hinabgestiegen, “in die Ackerstraße des Alltags”, und Eurydike fand er nach durchirrter Nacht am Schlesischen Bahnhof. “Da steht die Sehnsuchtsgeliebte mit ihrem alten Regenschirm und zerknitterten Handschuhn, Tüll auf dem Winterhut und zuviel Schminke auf dem Mund - wie damals, musiklos, seelenlos ...” Yvan Goll kannte sich aus in seiner Stadt und deren Gestalt. Seine Dichtung muss aber im Beiheft nachgelesen werden, obwohl die Sopranistin Carole Farley original deutsch singt. Das ist ein entscheidender Mangel dieser Einspielung, denn ein Kurt-Weill-Werk ohne Textverständlichkeit ist nur ein halber Kurt Weill.
Weills Musik jener Jahre ist, wie Golls Eurydike, “musiklos”, dafür aber “textvoll”. Weill zeichnet, beschreibt, zitiert und karikiert in seiner Musik - aber er leidet nicht. Der ariosen, mit-leidenden Interpretation Carole Farleys liegt das Missverständnis zugrunde, Weill sei ein Spätromantiker im Gefolge von Strauss, Schönberg oder auch Berg (mit dessen “Lulu” Carole Farley ihre Karriere begann). Das war er aber nicht.
Was im “Jungen Orpheus” zu expressiv gerät, wird im Konzert für Violine und Blasorchester von 1924/25, einem der letzten rein instrumentalen Werke Weills, schlüssiger. Ohne überflüssige Vibrati, mit einem trockenen, nüchternen Ton spielt der Solist Michael Guttman seine Partie, wie es dem sachlichen Gestus des Werkes angemessen ist. Auch die Rheinische Philharmonie ist hier mit ihrem Gesamtklang endlich in den zwanziger Jahren angekommen. Sind im “Orpheus” Dirigent und Orchester zu sehr den Belcanto-Spuren Carole Farleys gefolgt?
Gestaunt habe ich schließlich bei den beiden “Songs” aus Weills später Broadway-Produktion “Street Scene”, die am Ende der CD stehen. Hier bildet das zuvor Auseinanderfallende plötzlich eine Einheit: die Stimme der jetzt englisch singenden Carole Farley, der Klang des Orchesters und ihr Verhältnis zueinander. Und mir wird klar, warum: Weills Musik ist in den späten vierziger Jahren eine andere geworden - freundlicher, unkomplizierter, smarter. Und ihr Aufgehen im amerikanischen Musical war auch eine Hinwendung zu romantischer Klangmalerei und Expressivität. Weill gab es eben zweimal: als deutschen Komponisten und als amerikanischen.

Thomas M. Maier, 30.04.1997



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