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Richard Wagner

Tannhäuser

Peter Seiffert, Jane Eaglen, Waltraud Meier, René Pape, Thomas Hampson u.a., Chor der Staatsoper Berlin, Staatskapelle Berlin, Daniel Barenboim

Teldec/Warner Classics 8573-88064-2
(194 Min., 5/2000, 6/2000) 3 CDs, http://www.onlybeck.de/index_klassik.php?artnr=1000044745&bereich=klassik&partner=3

Wer ist der bessere Künstler? Der, der die Regeln beherrscht und mit seinen Werken dem Publikum entgegenkommt? Oder der, der die Regungen seines Herzens in Musik oder Dichtung übersetzt und damit seine Zuhörer so sehr schockiert, dass sie ihn auf Pilgerfahrt nach Rom schicken?
Das Publikum schockiert hat der Minnesänger Tannhäuser, der in Wirklichkeit Heinrich von Ofterdingen hieß und bei einem Sängerwettstreit auf der Wartburg ein Geheimnis offenbart: Als die angetretenen Poeten die Liebe besingen sollen, steigert sich Tannhäuser in ein ekstatisches Lied hinein, das allen offenbart, dass er im Venusberg war, jener heidnischen Stätte, wo die Göttin der Liebe eine - wie man heute sagen würde - Orgie nach der anderen feiert. Tannhäuser verliert dadurch die Liebe der gräflichen Nichte Elisabeth und findet erst im Tod Erlösung.
Abseits der religiösen Dimensionen hat Wagner sicher ganz besonders das künstlerische Dilemma interessiert, in dem sich Tannhäuser befand, als er von der Liebe singen sollte. Aber natürlich ist Wagner heute selbst zum Publikumsrenner geworden; jeder liebt die großen Momente wie die Ouvertüre, den Einzug der Gäste auf der Wartburg, das Lied an den Abendstern oder den Pilgerchor.
Daniel Barenboim schafft es, aus den bekannten Einzelheiten ein dicht geschnürtes Drama zu machen. An oberster Stelle steht bei ihm neben Orchestertransparenz vorwärtsgerichtete Zugkraft, die aus den Szenen eine Handlung entstehen lassen. Barenboim betont zwar die Höhepunkte, vermeidet aber jede Schwelgerei. Auf diese Weise wirkt selbst der "Einzug der Gäste" bei weitem nicht so martialisch wie in so mancher anderen Einspielung.
Die Sängerbesetzung ist einer jener Glücksfälle, die man heute nur noch selten erlebt: Waltraud Meier, die als Venus leider nur eine (dafür äußerst intensive) Szene zu bestreiten hat, steigert sich mit mühelosen Registerwechseln und extremer Dramatik von der Verführung in Person über die die verletzte Frau zur Furie. Dass Tannhäusers Wandlungen nicht nur in das Textbuch, sondern auch in die Partie fein hineinkomponiert sind, zeigt Peter Seiffert: Die Zentralszene des Sängerwettstreits wird in der Auseinandersetzung mit Biterolf (Hanno Müller-Brachmann) und Wolfram Eschenbach (Thomas Hampson) um das Wesen der wahren Liebe zum Philosophenwettstreit.
Thomas Hampson besingt als Wolfram im "Lied an den Abendstern" noch einmal die Harmonie, die Tannhäuser zerstörte - ein vergeblicher Versuch, weshalb das berühmte Lied wie ein fernes Zitat und sehr verhalten daherkommt und nicht als in sich geschlossene Arien-Nummer, als die es oft missverstanden wird. Bewundernswert ist Hampsons perfekte deutsche Aussprache, mit der Jane Eaglen (Elisabeth) noch etwas kämpft, und auch um die Textverständlichkeit ist es bei ihr nicht gut bestellt. Doch dieser Wermutstropfen verliert sich im großartigen Gesamteindruck völlig.

Oliver Buslau, 21.02.2002



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