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Hugo Wolf

Lieder

Ian Bostridge, Antonio Pappano

EMI 342256 2
(71 Min., 4/2005) 1 CD

Sein Deutsch ist (endlich) besser geworden, das ist evident - vielleicht hat sich Ian Bostridge im Blick auf diese Wolflieder nach Eichendorf, Mörike und Goethe, deren hoch elaborierte musikalisch-rhetorische Faktur besondere sprachliche Prägnanz verlangt, noch einmal extra coachen lassen. Und dennoch: Sobald die melodische Linie dramatischen, exaltierteren, kräftigeren Zugriff verlangt - so etwa in "Seemanns Abschied" nach Eichendorff -, ist es mit der neuen sprachlichen Klarheit schnell wieder vorbei; hier greifen Bostridges alte Hypertrophien und Manierismen, unmotivierte Crescendi, Portamenti, Sforzandi etc. wieder ungehemmt Platz. An konsequenter Konzentration auf einen etwa am Beginn einer Phrase eingeschlagenen gestalterischen Weg mangelt es außerdem leider auch öfters, und zwar gerade in ganz ruhigen, lyrischen Liedern: Wunderbar ätherisch-kopfstimmig beginnt Bostridge z. B. "Verschwiegene Liebe", um dann schon nach wenigen Tönen grundlos mit dem Wort "Saaten" unkontrolliert herauszuplatzen. Am Ende der zweiten Strophe des Liedes misslingt aus ähnlichen Gründen nach zunächst fesselndem Pianissimo-Anstieg auch das Crescendo auf "schön": Der Ton verflattert im übertriebenen Vibrato. Solch irritierende Details gibt es leider zuhauf auf dieser CD, und so findet der Hörer einmal mehr Brillantes neben Groteskem, Atemberaubendes neben Ärgerlichem. Warum kann Bostridge am Beginn der "Verborgenheit" (Mörike) nicht einfach Legato singen und durch interpretatorische Zurückhaltung Wolfs geniale musikalische Umsetzung des Textes für sich wirken lassen? Stattdessen muss er auf fast jeder Silbe vibrieren, crescendieren, die Vokale verfärben... Weniger, deutlich weniger wäre auch hier wieder mehr; schließlich muss ein unprätentiöser Vortrag im Vertrauen auf die Aussagekraft der Komposition als solcher nicht langweilig oder gar unindividuell ausfallen. Man denke etwa an Fritz Wunderlichs im positiven Sinne schlichte Liedeinspielungen, über die man bis heute sagt: Herrlich, das war der unverwechselbare Wunderlich, mit welch einfachen Mitteln, mit welcher Selbstverständlichkeit gestaltet der dieses oder jenes Lied. Bei Bostridge hingegen ist man immer geneigt zu konstatieren: Das ist dieser hypernervöse Tenor, der jedem Stück den Stempel seiner Unrast, seines Immer-noch-mehr-Wollens aufdrücken muss. Das ist doch schade.

Michael Wersin, 08.09.2006



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