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Hugo Wolf

Italienisches Liederbuch

Christiane Oelze, Hans Peter Blochwitz, Rudolf Jansen

Berlin Classics 0017482BC
(77 Min., 6/2002, 8/2002) 1 CD

Wenn der stark strapazierte Begriff der "Miniatur" auf dem Gebiet des Liedes treffend verwendet werden kann, dann im Falle von Hugo Wolfs "Liederbuch"-Kompositionen: Die meisten dieser eindrücklichen kleinen Stimmungsbilder erklingen jeweils in weniger als zwei Minuten, ziehen deshalb aber keineswegs nur einfach so am Ohr des Hörers vorbei. Stets gelingt es Wolf nämlich, die Aussage des Textes musikalisch mit höchster Prägnanz einzufangen, egal, ob es sich dabei etwa um eine schwärmerisch-überschwängliche Liebeserklärung handelt oder um eine kleine, gut platzierte Boshaftigkeit. Letztere findet sich im vorliegenden "Italienischen Liederbuch" z. B. an zehnter Stelle: Recht harmlos beginnt hier die Sängerin den imaginären Dialog mit einem zunächst wohl noch zuversichtlichen Verehrer. Man sieht aber förmlich sein Gesicht herunterfallen, wenn er gleich darauf die Worte "Ich bin verliebt - doch eben nicht in dich!" genüsslich-kokett serviert bekommt. Historische Bauwerke wie die Dome von Orvieto und Siena bemüht hingegen der engagierte, männliche Protagonist im dritten Lied des Zyklus zum Vergleich, um seiner Liebe und Bewunderung angemessen Ausdruck zu verleihen.
Christiane Oelze und Hans Peter Blochwitz, einfühlsam und differenziert begleitet von Rudolf Jansen, erfassen in ihrer Neuaufnahme des "Italienischen Liederbuchs" den Gehalt dieser musikalischen Kleinode prinzipiell recht gut: Es mangelt ihnen nicht an komödiantischem Talent und darstellerischer Flexibilität für eine wirklich gute Interpretation dieses anspruchsvollen Zyklus. Allerdings kommen ihnen immer wieder rein stimmliche Unebenheiten in die Quere: Hans Peter Blochwitz, einst angetreten als große Nachwuchs-Hoffnung im Lied- und Oratoriengesang, kämpft in der höheren Lage mit einer Art stimmlicher Müdigkeit, die sich ausdrückt einerseits durch Schwierigkeiten mit der Verbindung von Brust- und Kopfregister, andererseits in Form eines langsamen Tremolos. Beides lässt seinen Gesang immer wieder rau und angestrengt klingen, wobei dazwischen auch schöne bis makellose Passagen an seine frühere Bestform erinnern. Ob permanente Überlastung der Grund für diese Problematik ist? Weniger deutlich sind die Schwierigkeiten bei Christiane Oelze: Ihr Gesang ist wohlklingend und aussagekräftig, besonders, wenn Charme und Neckerei als Ausdrucksmittel gefragt sind. Sie bevorzugt jedoch im Piano vielfach leicht abgedunkelte, etwas isolierte Kopfklänge, die sich bei dramatischerem Zugriff durch Mattigkeit und mangelnde Fokussierung rächen. Auch bei ihr besteht die Gefahr substantieller Blessuren eines ursprünglich wunderschönen Materials. Trotz dieser Schwierigkeiten gibt es viele gelungene und ungetrübte Momente auf dieser CD, aber wer für Stimmen und ihre Entwicklung sensibel ist, der wird immer wieder einmal unwillkürlich die Stirn in Falten ziehen.

Michael Wersin, 15.03.2003



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