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Carl Maria von Weber

Werke für Klavier

Michael Endres

Oehms Classics/Codaex 357
(151 Min., 1/2004, 2/2004) 2 CDs

Zuweilen sind die Götter dort oben ungerecht. Dann nämlich, wenn sie ihren Lorbeer so subjektiv, so eigenmächtig verteilen auf die Häupter der sündigen Büßer drunten auf Erden, dass man an ihrer Fähigkeit, Justitia zu ehren, beinahe zweifeln möchte. Ein konkretes Beispiel betrifft die Herren Schubert, Franz (1797-1821) und von Weber, Carl Maria (1786-1826). Beide waren sie bedeutende Komponisten, beide schufen sie bedeutende Werke. Während aber im Fall des Zeitgenossen Schubert dessen bühnendramatisches Schaffen gänzlich aus dem Auge verlustig ging im Lauf der Welt, seine Lieder und Klavierstücke hingegen allerorten zu Ruhm gelangten, war es bei dem Zeitgenossen von Weber ganz entschieden und traurig genau anders herum: Sein "Freischütz" gilt weithin als die deutsch-romantische Nationaloper vor dem Herrn, "Euryanthe" und "Oberon" stehen hoch im Kurs; unziemlich an den Rand gedrängt derweil seine Stücke für das Pianoforte. Vier Sonaten immerhin hat der gute Mann geschrieben. Aber keiner spielt sie.
Michael Endres, einer der Fleißigsten unter Germaniens Tastenkünstlern, hat dem tristen Treiben nunmehr ein Ende gesetzt. Zwei Platten voll gefüllt nur mit Weber, dem Klavier-Weber, versteht sich. Selbstredend die Sonaten, aber auch gänzlich unbekannte Variationen, eine "Grande Polonaise", sechs gewitzte Walzer und des Komponisten bis heute nach wie vor bekanntestes Opus für zwei Hände, die "Aufforderung zum Tanz". Und damit auch keiner wegrennt vor der Wahrheit, hält Endres, der Pflichtverteidiger, ein starkes Plädoyer für Weber; Zitat: "Es ist zu hoffen, dass diese wunderbar kühnen und pianistisch glanzvollen Stücke des Begründers der romantischen Oper eine Renaissance erleben werden: als ebenbürtige Ergänzung der ganz anders gearteten, lyrischen Sonaten Schuberts." Wohlan, tapfer gebrüllt, Löwe! Und, was die vierte Klaviersonate in e-Moll, die beiden Variationen angeht und, mit Abstrichen, die Walzerchen, auch zu Recht gebrüllt. Da ist viel Witz, viel Poesie - im Notentext wie in der Interpretation. Doch gibt es daneben, höchst bedauerlich dies, hinreichend Leerlauf: Die ersten drei Sonaten dürfen nicht mehr als Studienwerke auf dem Weg zur Reife genannt werden; und ebenso ist die Lesart des Pianisten, darin seiner Schubert- und Ravel-Exegese verdächtig ähnlich, doch ein bisschen allzu artig. Es fehlt der Zauber, es fehlt die Magie, es fehlt das Irisierende. Mögen die Götter auf dem Olymp anders befinden, wir Irdischen sind ganz überzeugt dieser kritischen Meinung.

Tom Persich, 05.02.2005



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