"Geben wir dieser großartigen Musik doch einfach eine Chance!" Starker Tobak, wird hier nicht eben von einem unbekannten Werk, sondern von der erfolgreichsten deutschen Oper überhaupt gesprochen. Auch wenn Bruno Weil mit der Aufforderung zu Recht gegen das visuelle Primat unserer Gesellschaft im Allgemeinen und den ganzen Bühnen-Firlefanz einer traditionellen, an gruseliger Wolfsschlucht, Vollmond und Jägerstaffage ausgerichteten Freischütz-Inszenierung im Besonderen wettert: Er wird wohl kaum behaupten können, Carlos Kleiber und Nikolaus Harnoncourt, die beiden bislang profiliertesten Freischütz-CD-Interpreten, hätten Webers Musik keine Chance gegeben!
Zugegeben: erstmals liegt hier eine Einspielung in historischer Aufführungspraxis vor. Über die Durchhörbarkeit aller Orchesterstimmen, besonders der warmen Holzbläser, kann man nur staunen. Um im Bild zu bleiben: Das Zittern des Eichenlaubes und Rauschen der Nadelhölzer, das Agathes banges Liebesfragen begleitet, ist geradezu plastisch mitzuerleben. Aber die gelungenen Momentaufnahmen helfen nicht über den recht braven Gesamteindruck hinweg.
Bruno Weil ist kein Freund überbordender Entladungen, gegenüber Kleiber (siehe Rezension) und Harnoncourt (siehe Rezension), erst recht gegenüber Furtwänglers Extremismus erscheint sein Zugriff geradezu verhalten. Ein Beispiel: der tempozahme Jägerchor, in dem zwar trefflich die Naturhörner bläzen, der WDR-Chor aber "das männlich Verlangen" weit weniger glaubhaft als Kleibers Dresdner oder Harnoncourts Berliner Mannen anpreisen darf. Zudem fehlt es - Historizität hin oder her - dem schlanken Kölner Orchesterapparat an dunklen Farben, so dass das Dräuende, Schwarze, Angstbesetzte, das dem Werk seinen Charakter verleiht, zu kurz kommt - musikalisch zumindest.
Nicht jedoch textlich! Wie das? Weil bat den Berliner Autor und Dramatiker Steffen Kopetzky, die (allzu platten) Dialoge Friedrich Kinds durch eigene Texte zu ersetzen. Und die haben es in sich: nun steht Samiel, der "schwarze Jäger", Beelzebub schlechthin, der "blinde Dämon" (Kopetzky), der alle verhängnisvollen Fäden in der Hand hält, im Zentrum des Werkes. Und da lässt Hannibal Lecter grüßen, so packend-grausig rezitiert Markus John die Zwischentexte.
So wenig wie diese trägt die Solistenschar, zumindest en gros, Schuld an der mangelnden Gesamtemphase. Christoph Prégardien gibt einen mustergültigen Max ab - wahrlich kein Heldentenor, sondern ein aufgewühlter und aufwühlender, ungemein glaubwürdig agierender "Normalmensch" voller Versagensangst. Petra-Maria Schnitzer gestaltet ihre Agathe betont verletzlich-zerbrechlich, während Johanna Stojkovic ein Ännchen abgibt, wie es sich das gesunde männliche Volksempfinden ausmalt: unbekümmert, keck. Und Georg Zeppenfelds Kaspar erinnert eher an einen korrekten Buchhalter als an einen hinterhältigen Dunkelmann.

Christoph Braun, 15.11.2001



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