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Ralph Vaughan Williams

Sinfonie Nr. 2 (Urfassung)

London Symphony Orchestra, Richard Hickox

Chandos/Koch CHAN 9902
(67 Min., 12/2000) 1 CD

Anglophile, aufgepasst: Hier kommt eine echte Premiere! Die Urfassung der "Londoner Sinfonie", der Zweiten von Ralph Vaughan Williams, ist seit ihrer Uraufführung 1914 nie mehr gespielt worden, das heißt, bis zu dieser Einspielung. Der Komponist war mit seinem Werk lange nicht zufrieden, revidierte es viele Male, strich immer mehr Passagen, bis er Mitte der dreißiger Jahre die endgültige Version publizierte, die wir heute kennen. Vaughan Williams' Witwe Ursula gab die Erstfassung nun, nach fast achtzig Jahren, frei – und zwar nur für eine einzige Aufnahme. Öffentlich aufgeführt werden soll sie, nach ihrem Willen, niemals.
Welche der beiden Versionen von RVWs sinfonischer London-Huldigung ist nun lohnender: das Original oder der "director's cut"? Zunächst einmal können sich Freunde des Komponisten auf eine ganze Menge neues Material freuen: In der Fassung von 1913 ist die "Londoner" fast zwanzig Minuten länger als in der späteren Bearbeitung. Der Kopfsatz blieb unangetastet, im Lento jedoch, besonders aber im Scherzo und Finale finden sich viele, größtenteils ungemein klangschöne und atmosphärische Stellen, auf die der Komponist später verzichten zu müssen meinte. Besonders das zweite Trio und die traumverlorene Überleitung zur Coda des Scherzos lohnen die Bekanntschaft.
Vaughan Williams' Äußerung, die Erstfassung habe ihm zu viel "furchtbare neue Musik" enthalten, muss nicht ernst genommen werden. Es ist im Gegenteil auffällig, dass die meisten der gestrichenen Passagen elegischen oder lyrischen Charakter tragen, wodurch die Gesamtphysiognomie der Uraufführungsversion wesentlich nachdenklicher und getragener anmutet – und natürlich, bei einer Spieldauer von über einer Stunde, epischer und ein wenig redselig. Daher ist es letztlich verständlich, dass Vaughan Williams hier und da den Rotstift ansetzte, denn die Revision wirkt – so sehr man das Fehlen einzelner Stellen bedauern mag – formal wesentlich straffer und geschlossener.
Das ändert jedoch nichts an dem unschätzbaren Wert dieser Neueinspielung, an dem niemand, der sich für Vaughan Williams interessiert, vorbeikommt – um so weniger, als sich in ihr sowohl das Tontechniker-Team als auch der Dirigent selbst übertroffen haben. Richard Hickox' Interpretation kann nicht nur äußerste Detailtreue und phänomenale Klangqualität für sich verbuchen – er lotet auch die Tiefen des Werks aus wie kaum ein zweiter Dirigent außer Barbirolli und Haitink (EMI). Statt des üblichen bunt bebilderten orchestralen Baedeker präsentiert Hickox die ebenso profunden wie ambivalenten sinfonischen Gedanken eines bekennenden Londoners zu seiner Stadt – einer Stadt, die neben pulsierendem Leben viele, vielleicht sogar vorwiegend, dunkle Seiten vorzuweisen hat.

Thomas Schulz, 21.06.2001



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