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Heitor Villa-Lobos

Klavierwerke

Marc-André Hamelin

Hyperion/Koch 0 34571 17176 0
(64 Min., 8/1999, 10/1999) 1 CD

Ich hatte immer schon Schwierigkeiten mit dem Klavierspiel des vielgerühmten Kanadiers Marc-André Hamelin. Ich finde, dass sich unter seinen Händen alles gleich anhört. Er wühlt in den Akkorden und Oktaven mit der schwülen Schöpfungslust eines Donnergottes. Mag er uns zwischen den dröhnenden Attacken auch die zartesten Regenbogenfarben des Pianissimo zeigen, überwältigt und über-bewältigt er alles mit jenem ewigen diabolischen Zucken der Finger, die es kaum erwarten können, die nächsten pyrotechnischen Effekte abzubrennen.
Villa-Lobos' wunderschöne Suiten, die die "Familie des Babys" vorstellen, werden durchaus mit Delikatesse gespielt. Textvergewaltigung konnte man Hamelin wahrlich noch nie vorwerfen. Aber die Töne sprudeln so mühelos und klanggesättigt, dass ich doch stutzig wurde. Rubinstein, der solche manuellen Reserven nicht aufzubieten hatte, spielt die erste Suite, in der die Puppen des Babys vorbeiparadieren, viel trockener, humorvoller und zerbrechlicher. Die zweite Suite ist ebenfalls hinreißend. Villa-Lobos träumt sich in die Welt der Spielzeugtiere. Immer öfter fällt darin auf, dass der Übervirtuose die manuellen Sturmtruppen nicht im Zaume hat. Wenn im Stücklein "Die Pappmaché-Maus" die Oktaven röhren wie in Skrjabins sechster Sonate, frage ich mich doch, ob das nicht leichthändiger hinzuzaubern wäre. Endlich "Rudepoêma", das "raue Gedicht". Endlich Trommelfeuer und höchste Schwierigkeitsgrade, endlich eine dieser hypertrophen pianistischen Orgien, deren genussvolle Bewältigung Hamelin so schnell wirklich niemand nachmacht.

Matthias Kornemann, 17.08.2000



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