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Antonio Vivaldi u.a.

Andromeda liberata

Simone Kermes, Max Emanuel Cencic, Katerina Beranova, Anna Bonitatibus, Mark Tucker, Venice Baroque Orchestra, Andrea Marcon

DG Archiv/Universal 477 098-2
(98 Min., 1/2004) 2 CDs

Opernpasteten oder "Pasticcios", deren Musik im Barock aus "lauter auserlesenen Arien der vornehmsten Meister" zusammengesetzt wurden, haben Zukunft. Schließlich bieten diese dramatischen Potpourris mit historischem Qualitätssigel Abwechslung von den bekannten Personalstilen, die gerade bei Komponisten wie Vivaldi auch schon einmal ermüdend wirken können. Das nur zum Trost, falls sich herausstellen sollte, dass nicht alle Stücke dieser 1726 uraufgeführten Serenata vom Meister der "Vier Jahreszeiten" stammen. Doch wozu Trost bei einer Aufnahme, die uns die Mundwinkel ohnehin weit nach oben zu treiben weiß! Denn hier haben wir endlich ein herausragendes venezianisches Originalklang-Ensemble, das noch dazu wirklich spannende neue Geschichten aus der Lagunenstadt zu berichten weiß. Die Serenata "Andromeda librerata" feiert die Rückkehr des berühmten Kardinals Mäzens Ottoboni in seine Heimatstadt, aus der er Jahre zuvor verbannt worden war. Warum wir den Kardinal mit der mythologischen Königstochter Andromeda identifizieren dürfen und was sonst noch an politischen Anspielungen in der Partitur steckt, entnehme man dem mit flottem Forschereifer geschriebenen Beihefttext. Die Rezitative (bekanntlich Visitenkarte einer jeden Opernaufnahme) werden mit Leidenschaft vorgetragen, jedoch ohne Affektiertheiten und im vollen Verständnis des Texts mit allen seinen Punkten, Kommata, Ausrufungszeichen und Untertönen. Vielfältig und plastisch sind die musikalisch-rhetorischen Ideen, die in den Arien stecken (Hut ab, wenn sie tatsächlich alle von Vivaldi stammen) und Andrea Marcon arbeitet jede von ihnen glasklar heraus. Und die Sänger? Ach! Ein wunderbar ausgeglichener Cast mit durchweg ungewöhnlich warmen, vollen, beweglichen und dabei zumeist jungen Stimmen, die überzeitlich berührende Empfindungen in die mythologisch verbrämte Polit-Oper zaubern. Sogar bei den Kastratenpartien weiß man nicht, ob man der Sopranistin Anna Bonitatibus mit ihrer herrlich sonoren Tiefe und koloraturstark klaren Höhe den Vorzug geben sollte, oder doch dem Countertenor Max Emanuel Cencic. Der darf zwar nur in zwei getragenen Arien und einem Duett singen. Doch dafür hat er das Privileg, in der einzigen zweifelsfrei authentischen Nummer aus Vivaldis Hand den Gegenpart zur Solovioline (welche die Sonne symbolisiert) abzugeben. Und das tut er mit einer so geerdeten Stärke und Ruhe, dass man in den Mittelsätzen von Vivaldis Violinkonzerten künftig die Gesangsstimme vermissen wird.

Carsten Niemann, 23.10.2004



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