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Antonio Vivaldi

Späte Violinkonzerte

Giuliano Carmignola, Venice Baroque Orchestra, Andrea Marcon

Sony SK 87733
(72 Min., 5/2002) 1 CD

Eine Ersteinspielung von unbekannten Violinkonzerten aus der Feder von Antonio Vivaldi? Eigentlich kaum zu glauben: Schließlich hat der Mann in eben dieser Gattung nichts weniger als einen Jahrhundert-Hit der Schallplattengeschichte gelandet. Und auch Strawinskys Experten-Urteil, Vivaldi habe in seinen Werken das gleiche Stück immer wieder neu geschrieben, dürfte in den Augen von Marketing-Profis eher eine Auszeichnung sein: Alter Wein in neuen Schläuchen kann prima schmecken, wenn der gute Tropfen lagerungsfähig ist und dazu noch vom Meister persönlich abgefüllt wurde.
Wie zu erwarten war, begegnen wir in diesen sechs späten Konzerten also keinen herben Mixturen eines vergeistigten Altmeisters, sondern ausgereiften Produkten der Marke Vivaldi. Vivaldi ließ sie nach eigenen Worten nur deswegen nicht drucken, "weil das den Verkauf seiner Kompositionen im Manuskript behindern würde, der nämlich einträglicher sei." Nur wer das Zeug nicht schnell herunterstürzt, wird das reichere Bouquet aus größerer motivischer Vielfalt in den Ritornellen zu würdigen wissen und in den Es-Dur-Konzerten hier und da die fruchtig-spritzigen Beimischungen des moderneren galanten Stils herausschmecken.
Was venezianische Interpreten der Alten Musik betrifft, war das Prädikat "de origine controllata e garantita" bisher nicht unbedingt eine Auszeichnung: Welcher Venedig-reisende Barockmusikfan erinnert sich nicht mit Grausen an die pappige Pizza Quattro Stagioni, welche heimische Ensembles gutgläubigen Touristen in Vivaldis Heimatkirche auftischten? Das hat sich grundlegend gewandelt: Mit dem erst 1997 gegründeten Venezianischen Barockorchester verfügt Venedig endlich über ein exquisites und exportfähiges Spitzenensemble für Alte Musik.
Und Giuliano Carmignola ("aus einer alten Musikerfamilie des Veneto stammend") ist ein Geiger, der selbst die gewöhnlicheren unter Vivaldis Figurationen mit einer Begeisterung und Präzision spielt, als wäre er selbst der virtuose Meister, der sie erfunden hat. Man kann darüber streiten, ob seine durchaus theatralischen Temposchwankungen, seine divenhaften Seufzer und seine mit bewusstem Vibrato zum Himmel strebenden Spitzentöne noch unter kontrollierten historischen Anbau fallen.
Ich wäre da großherzig: Zum einen war Vivaldi selbst ein viel schlimmerer Selbstdarsteller, der die Finger zur Show bis auf Strohhalmbreite zum Steg krabbeln ließ, und zum anderen ist die Süße meist klug ausbalanciert mit herber bis feuriger rhythmischer Attacke und einem allezeit sprechenden Ansatz.

Carsten Niemann, 14.11.2002



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