Antonio Vivaldi

Violinkonzerte op. 8 - Il cimento dell'armonia e dell'inventione (darin enthalten die "Vier Jahreszeiten")

Europa Galante, Fabio Biondi

Virgin Classics/EMI 5 45465 2
(102 Min., 7/2000, 10/2000) 2 CDs

Als Fabio Biondi mit seine Ensemble vor einigen Jahren Vivaldis Konzerte op. 3 auf den Markt brachte, jubelte die Musikwelt. Der italienische Geiger stellte Vivaldi in ein ganz neues Licht; er kitzelte aus dessen oft so gefällig gespielten Partituren Details heraus, die so noch nie zu hören waren. Biondis Einspielung der Konzerte op. 3 war die zweite auf Originalinstrumenten, die auf den Markt kamen und betrat insofern Neuland.
Bei den Konzerten op. 8 ist es anders: Die ersten vier sind die berühmten „Vier Jahreszeiten“ – das wohl am meisten aufgenommene Klassik-Stück überhaupt. Und trotzdem kann sich Biondi gegen die Riesenkonkurrenz behaupten: Nie habe ich eine solche Detailfreude in allen Stimmen gehört, niemals ist mir eine „Jahreszeiten“-Aufnahme vor die Ohren bekommen, in der jede Note – einschließlich Continuofarben – so ausgefeilt das dramatische Programm dieser Musik vermittelt und dabei trotzdem so vital und spontan wirkt.
Biondi geht freilich an Grenzen, und er lässt seine Musiker gewisse Grenzen des authentischen Spiels überschreiten. So etwa in der extrem aufregenden Violinkadenz im ersten Satz des "Sommers" und in der ausgewachsenen Cembalopassage im zweiten Satz dieses Konzerts. Sogar fast "Jazziges" findet sich – etwa in den eiskalt klirrenden Akkorden, die der Cembalist am Anfang des "Winters" völlig quer zum Metrum auf die bebenden Streicher legt. Mitunter klumpt der Orchesterapparat zu geräuschhaften Ballen zusammen, was jedoch die Intensität mehr steigert als verwischt.
Folgt man Biondis Ausführungen im Beiheft, so kommen viele dieser Verjüngungszellen durch die Nutzung exklusiver Quellen zustande: Biondi erforschte Handschriften aus verschiedenen Bibliotheken Europas, um neuen Musiziermöglichkeiten auf die Spur zu kommen. Das gilt auch für die acht anderen Konzerte der Sammlung op. 8, in denen sich bestimmte Vivaldi-Auffassungen von Zeitgenossen spiegeln. Der deutsche Geiger Georg Pisendel versah zum Beispiel das ebenfalls sehr bekannte Konzert „La tempesta di mare“ mit zusätzlichen Oboen und einem Fagott. Biondi hat sich hier für diese gewichtigere Version entschieden, obwohl sie nicht „original“ ist. Doch museale Korrektheit ist die Sache dieses Künstlers nicht – mit dem Ergebnis, dass er ein neues Kapitel des Vivaldi-Musizierens aufschlägt.

Oliver Buslau, 12.07.2001



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