Entgegen der allgemein vertretenen Sicht war Antonio Vivaldi weder ausschließlich noch in erster Linie Komponist von Konzerten. Vivaldi schrieb zum Beispiel an die hundert Opern für mehrere italienische Theater; darüber hinaus weist sein (unvollständig erhaltenes) Werkverzeichnis eine ganze Reihe von anderen Vokalwerken auf.
“Juditha triumphans” (“Die triumphierende Judith”), das einzige erhaltene Oratorium Vivaldis, enstand wie ein großer Teil der Instrumentalmusik für das venezianische Mädchenwaisenhaus “Ospedale della Pietà”, in dem Vivaldi als Musiklehrer tätig war. Im Jahre 1716 ist das Werk in der zum Waisenhaus gehörenden Kirche uraufgeführt worden - instrumental und vokal besetzt mit den begabtesten Schülerinnen des Hauses und komponiert mit einer Finesse, die auch heute noch begeistert.
Die alttestamentarische Judith rettet ihre Heimatstadt Betulien vor der assyrischen Belagerung, indem sie den feindlichen Feldherrn Holofernes betört, sich von ihm in sein Zelt einladen lässt und ihn, kaum dass er eingeschlafen ist, enthauptet. Vivaldi hat diese Geschichte in eine spannende sakrale Oper verwandelt; zur Illustration dienten ihm eine verschwenderische Fülle von Instrumenten: Klarinetten (damals sehr modern) sorgen neben Blockflöten, Oboen und Trompeten ebenso für szenengerechte Untermalung wie verschiedene Arten von Lauten, eine Gitarre, eine Mandoline sowie eine Reihe von heute exotisch anmutenden Streichern (Viola d’amore, Viola all’inglese).
Und damit nicht genug: Robert King hat für seine äußerst farbenreiche und spannende Einspielung von Vivaldi selbst erfundene Bleidämpfer nachbauen lassen, die einerseits Judiths Sanftheit unterstreichen, andererseits die hypnotische Wirkung hervorrufen, mit der Judith den Feind in den Schlaf singt. Beeindruckend ist die Vielfalt des musikalischen Vokabulars, mit der der angeblich “oberflächliche Vielschreiber Vivaldi” aufzuwarten weiß. In der Auslotung seelischer Tiefen, zum Beispiel Judiths Angst und Aufregung vor der Tat, zeigt sich Vivaldi als echter Dramatiker, von dem man mehr hören möchte - vor allem, wenn die Musik so bildhaft und eindringlich vermittelt wird wie hier.

Oliver Buslau, 30.04.1998



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