Für eine Minderheit von Opernconnaisseurs ist "Simon" der Geheimfavorit im Verdi’schen Bühnenœuvre. Dabei hat der Meister es seinen Anhängern diesmal besonders schwer gemacht. Keines der Gesangsstücke hat das Zeug zum Schlager. "Simon" ist ein Nachtstück, Verdi hat es in die düstersten Farben seiner Palette getaucht. Der Handlungsablauf ist absurd disproportioniert, kopflastig, zwei Restakte sind dem schleichenden Gifttod des Titelhelden vorbehalten, viele lebenswichtige Vor- und Nebengeschichten können nur berichtet, nie gezeigt werden. Aber in keiner anderen Oper hat Verdi grandiosere Massenszenen hingeworfen, rührendere Konflikte entwickelt, subtilere psychologische Feinzeichnung betrieben. Ein Geschehen, das alle vernünftigen Maße überschreitet. Die Regie hat dafür eine Lösung, mit der sie vor allem sich selbst hilft. In übersichtlichen, dekorationsarmen Bühnenräumen lässt das Personal sich reibungslos zu bekömmlichen Portionen ordnen. Bewährte alte Operngestik kommt zu neuen Ehren: ausgebreitete Arme, dann mal die Hände gerungen, mal die eine Hand beteuernd auf die Brust gelegt. Gatti hat, von der einen oder anderen betriebsbedingten Asynchronität abgesehen, Orchester und Bühne zuverlässig im Griff. Bei Sängerinnen und Sängern gibt es keinen Ausfall, aber auch nichts Umwerfendes zu erleben. Titelheld Hampson, dem die Rolle auferlegt ist, von Anfang an die sich mehrenden Leidensmale, dann zwei Akte lang auch die des körperlichen Verfalls zu zeigen, ist mit Sorgfalt auf die Pflege seiner Gesangskultur bedacht, guckt abwechselnd betroffen und indigniert aufs unerklärliche Treiben der anderen und lässt keinen Zweifel, dass er lieber in einem schöngeistigen Adelssalon des 19. Jahrhunderts den Hahn im Korb gespielt hätte. Alles in allem: Die Zähmung eines widerspenstigen Stoffes.

Karl Dietrich Gräwe, 28.04.2007



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