Die Aufnahmetechnik erinnert an Raubkopien unterm Jackett, und wenn dann auch noch die Ausstattung derart asketisch ausfällt - kein Beiheft, biederstes Cover mit Minimalinformationen - dann fragt man sich: was soll das Ganze? Zumal sich Gianandrea Gavazzeni anfangs alles andere als ein penibler Orchesterdompteur zu erkennen gibt.
Doch das ändert sich bald: Offenbar ließ er sich mehr und mehr zu einem schwung- und spannungsvollen Dirigat verführen, das diesem Drama vom buckligen Hofnarren, seiner töricht verliebten Tochter und ihrem herzoglichen Schurkengeliebten adäquat ist. "Schuld" an dieser Wandlung könnten seine Bühnenstars gewesen sein (mit ihnen wäre dann auch das "Trotzdem" genannt, das die Aufnahme lohnt).
Allen voran Alfredo Kraus: mit mühelos genommenen Höchst- und kernigsten Brusttönen, ein Herzog, so frech, skrupellos und unmoralisch, wie er im Buche steht - mit einem Wort: hinreißend. Ettore Bastianini gibt einen stimmlich und darstellerisch wandlungsfähigen, nicht minder präsenten Titelhelden - sein Bariton dürfte an Volumen und Höhengewalt seinerzeit kaum übertroffen worden sein, auch nicht vom allseits bewunderten Rigoletto-Konkurrenten Tito Gobbi.
Und seine Tochter, die wie kaum eine andere von Verdis "lebensechten" Bühnengestalten die Weisheit verkörpert, dass Liebe blind macht? Renata Scotto brilliert in ihrer ersten Gilda-Darbietungen für die Schallplatte. Der in den Siebzigern allseits beklagte Wechsel dieser ehedem lyrischen Sopranistin ins hochdramatische Fach, der die Callas-"Einspringerin" mehr und mehr "verheizte" und zum peinlichen Schreien in der Höhe verführte, steht hier gottlob noch aus (oder ist allenfalls in einem geschwächten Mittelregister als Zeichen der allgemeinen Überanstrengung zu erahnen).
Statt dessen: lyrischer Schmelz, natürliches Timbre und Spitzentöne, wie sie auch die Callas kaum besser zuwege brachte. Schon allein ihres grandiosen Duettes im zweiten Akt wegen, das sie mit ihrem Herzog betörend leicht auf dem hohen D abschließt, lohnt das Recycling dieser Aufnahme. Es hätte nur eben etwas "kundenfreundlicher" ausfallen müssen.

Christoph Braun, 10.05.2001



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Eruptiv wie ein Vulkan. So könnte man Pietro Mascagnis berühmten Einakter „Cavelleria rusticana“ beschreiben, den man üblicherweise als Operndoppel mit Ruggero Leoncavallos „Pagliacci“ geboten bekommt. Es ist ein Gegenentwurf zum Wagnerschen Musikdrama, der Cosima Wagner bloß „anwiderte“. Marek Janowski und das Orchester der Dresdner Philharmonie haben ihn nun im Singular eingespielt, auf CD wohlgemerkt, nicht auf DVD, es ist ihr erstes gemeinsames Projekt. Und genug Feuer, um […] mehr »


Top