Von Bruno Walters lebenslanger Auseinandersetzung mit Verdi existieren, wenn nicht alles täuscht, nur zwei Gesamtaufnahmen, und zwar in Form von Mitschnitten aus der Met; insofern kommt der vorliegenden Aufzeichnung, die nun erstmals legal im Handel erhältlich ist, besondere Bedeutung zu. Dass Walter damals bereits siebenundsechzig war, ist dieser Aufnahme keineswegs anzumerken: Schon der Elan, von dem die Ouvertüre getragen ist, lässt erkennen, dass hier von einem abgeklärten Altersstil keine Rede sein kann.
Das Niveau der Sänger kann nur bedingt überzeugen. Stella Roman bemüht sich zwar um differenzierten Ausdruck, doch ihr schnelles Vibrato, das gelegentlich zum Tremolo tendiert, ist gewöhnungsbedürftig und vom Belcanto-Ideal ziemlich entfernt. Die Besetzung des Alvaro mit Frederic Jagel dürfte damals kaum erste Wahl gewesen sein; seine interpretatorischen Qualitäten gleichen die relativ unzuverlässige Intonation und gelegentliche Höhenprobleme nicht aus. Auch Lawrence Tibbett hatte nicht seinen besten Abend, doch entschädigt er mit seinem Timbre und bewahrt die Partie des Don Carlos vor der üblich dargebotenen Eindimensionalität. Einzig Ezio Pinza vermag zu überzeugen. Mit seiner phänomenalen Stimme und seiner musikalischen Intelligenz gelingt es ihm, Würde und Autorität des Abtes zum Ausdruck zu bringen; allein seinetwegen ist die Veröffentlichung gerechtfertigt.

Norbert Christen, 31.03.1999



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