Dass sich Valery Gergiew nach seiner überaus erfolgreichen Wiederbelebung eines Dutzends russischer Opern bei seiner ersten nichtrussischen Opernproduktion für Verdis “La forza del destino” entscheiden würde, scheint nur auf den ersten Blick ungewöhnlich: Hatte diese Oper doch vor 135 Jahren an seinem Haus, dem St. Petersburger Marinskij-Theater, ihre Uraufführung erlebt. Da anschließend der große Erfolg ausblieb, entschloss sich Verdi sieben Jahre später (1869) für die Mailänder Premiere zu einer gründlichen Umarbeitung und inhaltlichen Entschärfung der Tragödie, die sich dann weltweit durchsetzen sollte.
Gergiews CD-Premiere der St. Petersburger Version von 1862 ist aber weit mehr als eine interessante Ausgrabung: Denn in der kompakteren und viel radikaleren Urform enthüllt uns Verdis zerklüftete Kriegsrevue viel mehr von ihren sozialkritischen Implikationen, die sich nicht nur an der kürzeren Ouvertüre und dem unversöhnlich tragischen Ausgang der ersten Version (mit dreifachem Bühnentod) ablesen lassen. Ursprünglich endet die Oper absolut pessimistisch mit dem Selbstmord des verzweifelten Don Alvaro. Und auch die wirre Stationen-Dramaturgie wirkt hier schlüssiger und ungleich realistischer als in der christlich-abgemilderten Mailänder Fassung, auch wenn das streckenweise recht mulmig klingende Kirow-Orchester noch Mühe hat, das rauere Profil und die klanglichen Attacken der Urfassung mit dem nötigen Biss und Verdischer “Trockenheit” auszustatten.
Die durchwegs russischen Sänger bewegen sich dagegen auf ziemlich hohem vokalem Niveau und vor allem das tragische Liebespaar (Gorchakowa, Grigorian) glänzt durch wohltönende, expressive “italianità”, die auch den Belcanto-Fan auf seine Kosten kommen lässt.

Attila Csampai, 31.03.1997



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