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Robert Schumann, Hugo Wolf

Eichendorff-Lieder

Christoph Prégardien, Michael Gees

Hänssler/Naxos CD 98.235
(63 Min., 8/2005) 1 CD

Es zählt zu den besonderen Verdiensten des englischen Klavierbegleiters Gerald Moore, am Anfang des 20. Jahrhunderts erfolgreich für die Gleichberechtigung von Sänger und Pianist im Liedvortrag gekämpft zu haben; die Aussparung des Begleiternamens auf Plakaten und in Programmheften, das Applaudieren in Klaviernachspiele hinein und das servile Hinaus-Huschen des Begleiters, nachdem er seinen letzten Ton absolviert hatte, sind seither zum Glück Geschichte. Umso frecher das Cover der vorliegenden CD: Es besteht im Wesentlichen aus Fotografien von Christoph Prégardien und Michael Gees; während allerdings Prégardien prägnant im Vordergrund zu sehen ist, hat man Gees deutlich nach hinten gesetzt, in Halbschatten getaucht und zudem unscharf abgebildet. Eine Momentaufnahme oder eine Montage? Das kann man nicht entscheiden, aber die Degradierung des Pianisten ist kein Zufall, denn man hat auch seinen Namen auf dem Cover um einige Schriftgrade kleiner gesetzt. Einen solchen Schwachsinn sollte sich heute kein Liedbegleiter mehr gefallen lassen, schon gar nicht ein so kreativer wie Michael Gees: Immer wieder lässt sein Spiel in puncto Artikulation, Pedaltechnik, Gewichtung der einzelnen Stimmen etc. aufhorchen, immer wieder wundert man sich über bisher so nicht Gehörtes - häufig entlockt Gees dem Klaviersatz diese neuen Nuancen im Rahmen seiner interpretatorischen Freiheit, in vielen Fällen jedoch zeigt der Blick in die Partitur, dass Gees sich nur besonders genau an den Notentext hält. So erfahren etwa die akkordisch-gebrochenen Begleitfiguren in Schumanns "Waldesgespräch" durch genaue Beachtung der Artikulationsbögen eine reizvolle, immanente Verlebendigung, die auch dem Sänger sensible Impulse gibt. In der letzten Strophe des "Zwielicht" ("Was heut gehet müde unter") bewirkt die genaue Beachtung der Vortragsbezeichnungen eine Plastizität im textlich-musikalischen Miteinander, wie sie seit dem jüngeren Fischer-Dieskau so kaum je wieder zu hören war. Eine neue Herangehensweise erproben Prégardien und Gees im Falle der "Wehmut": Durch sehr ruhiges Tempo bei fast völligem Verzicht auf agogische Schwankungen wird das Lied in eine fast lethargische Melancholie getaucht. Viel Schönes gibt es auch im Hugo-Wolf-Teil dieses dem Dichter Joseph von Eichendorff gewidmeten Programms zu erleben: Wunderbar zart, überaus organisch und bei allem Zauber doch unprätentiös schlicht etwa gelingt "Verschwiegene Liebe" - wohltuend vor allem im Vergleich mit Ian Bostridges kürzlich erschienener flackerig-nervöser Version desselben Liedes (EMI). Hin und wieder allerdings hört man bei Prégardien gewisse stimmliche Unebenheiten und Sprödigkeiten: Nicht immer spricht seine Stimme in der höheren Lage ganz ohne Mühe an, gelegentlich muss er die Offenheit und das freie Ausschwingen einzelner Töne mindern, um sie zuverlässig zu erreichen. Dadurch kommt es immer wieder einmal zu flachem, etwas müdem Klang einzelner Phrasen. Nun ja, Prégardien hat im Lauf seiner Karriere immer wieder einmal mit solchen Problemen zu kämpfen gehabt; im Zusammenwirken mit Michael Gees’ engagiertem Zugriff auf den Klavierpart ist dieses Rezital dennoch so interessant, dass die genannten Mängel nicht allzu sehr ins Gewicht fallen.

Michael Wersin, 08.12.2006



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