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Johann Sebastian Bach, Georg Böhm, Louis Marchand, Antonio Vivaldi

Musik zur ersten Bach-Biografie (verfasst von J. N. Forkel)

Lorenzo Ghielmi

Winter&Winter/Edel 9101052WIN
(63 Min., 11/2003) 1 CD

Ganze Bibliotheken sind schon über Johann Sebastian Bachs Leben geschrieben worden, aber um die allererste Darstellung kommt kein Biograph herum. 1802 brachte der Göttinger Universitäts-Musikdirektor Johann Nikolaus Forkel einen kleinen Band mit dem Titel "Über Johann Sebastian Bachs Leben, Kunst und Kunstwerke" heraus. Das Büchlein basiert zum Teil auf Gesprächen und Briefwechsel mit den Bach-Söhnen und ist auch für den heutigen Leser eine der kompaktesten und anschaulichsten Darstellungen von Person und künstlerischem Werdegang des Thüringer Genies.
Lorenzo Ghielmi und das Schweizer Label Winter&Winter haben nun eine optisch wie haptisch liebevoll gestaltete CD-Edition herausgebracht, die einige im Booklet abgedruckte Ausschnitte dieser Biographie musikalisch kommentiert. Wer die natürlich unabdingbaren Anekdoten vom heimlich Noten abschreibenden Wunderkind, vom Tastenwettstreit mit dem Virtuosen Louis Marchand und dem Besuch beim alten Fritz schon kennt, kann Dank der klugen Auswahl der Musikbeispiele dennoch Facetten der musikalischen Persönlichkeit Bachs mit frischem Blick betrachten.
Anschaulich und mit großer Genauigkeit zeichnet Ghielmi wichtige Linien in Bachs kompositorischem Werdegang nach: Wir lernen die beeindruckende aber durchaus nicht vollkommen geschmackssichere Virtuosität des jungen "Tasten-Husaren" kennen, wir beobachten den ehrgeizigen Musiker, wie er sich am Clavichord - dem beliebtesten Studieninstrument der Zeit - die Violinkonzerte Vivaldis transkribierend aneignet, und wir lernen sogar die Musik von Bachs gar nicht unbegabten Herausforderer Marchand anhand einer Cembalosuite schätzen (an der Ghielmi den an beiden Meistern gerühmten "zierlichen Vortrag" demonstriert). Obwohl das Booklet bis zu den Ziffern unter dem Strichcode in historisierender Fraktur gedruckt ist, ist das Hörergebnis also bei weitem nicht so altväterlich, wie man befürchten konnte. Und das sogar am Ende der klangfarbenreichen CD, wo das kunstvoll-retrospektive Ricercar aus dem "musikalischen Opfer" stilgerecht auf dem damals modernen Fortepiano (nach Silbermann) erklingt.

Carsten Niemann, 30.10.2004



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