In den späten achtziger und in den neunziger Jahren machten sie noch einmal die große Runde durch die Häuser dieser Welt: Mirella Freni und Nicolai Ghiaurov, beide im (Spät-)Herbst ihrer langen Karriere, hatten ihr Repertoire auf wenige Partien beschränkt und Tschaikowskis "Onegin" zu dem Vehikel auserkoren, mit dem sie auch jetzt noch gemeinsam auftreten konnten. Überall dasselbe Ritual: minutenlange Beifallsstürme nach Tatianas Briefszene, minutenlange Beifallsstürme nach Gremins Arie. Zwei Legenden der Opernwelt wurden für ihr Lebenswerk bejubelt.
So auch bei diesem Mitschnitt aus der Wiener Staatsoper. Die Frage, ob eine Frau über 50 noch eine 16-jährige Schwärmerin verkörpern kann, verbietet sich bei Freni: Ihrer Stimme sind kaum Spuren des Alters anzumerken, sie klingt immer noch mädchenhaft. Sie strahlt. Ghiaurov verfügt noch über sein unverwechselbares Timbre, und doch ist es mehr ein Schatten dieses Timbres, das ihn berühmt machte. Trotzdem: sein Portrait des Fürsten Gremin berührt. Was sich nicht von Wolfgang Brendels grobschlächtigem Onegin sagen lässt. Peter Dvorkys vollmundiger Lenski hat wenig von einem hypersensiblen Poeten. Und Sensibilität ist auch die Sache Seijii Ozawas nicht. Spannungslose Langsamkeit schon eher.

Jochen Breiholz, 16.10.2004



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