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Peter Iljitsch Tschaikowski, Sergei Rachmaninow

Klavierkonzert Nr. 1, Paganini-Rhapsodie

David Helfgott, Elizabethan Trust Orchestra, John Hopkins

RCA/BMG 7432 186700 2
(59 Min., 5/1987) 1 CD

Wer "Helfgott" liest, erwartet nicht unbedingt eine Interpretation. Niemand würde diese CD kaufen, um sich einen weiteren Tschaikowski neben Gilels oder Horowitz zu stellen. Nein, wer dies kauft, will Zeuge werden, wie das Unglaubliche geschieht und Musik zum Medium der Selbsterlösung wird. Das Werk bleibt am Boden zurück, gleich einer ausgesaugten Hülle, aus der ein Geist entstiegen ist, der ein Musikalischer nicht war.
Früher waren die Virtuosen exzentrischer. Pachmann brabbelte während seiner Auftritte und Edouard Risler beschloss, sich totzufressen. Bücher sind darüber gefüllt worden, doch man hielt sich an eine organische Abfolge. Erst kam das Klavierspiel, dann rankte die Anekdotik. Bei Helfgott war es umgekehrt. Erst kam der inszenatorische Ehrgeiz der Entdecker, dann kam das Pianistische. Wer genau auf das CD-Cover schaut, sieht, dass eine "Helfgott Holdings Pty. Ltd." diese Aufnahme lizensiert hat. Das ist vielsagend.
Man müsste eigentlich blind hören. Wer dies rezensieren will, muss verschiedene Instanzen in seinem Kopf überlisten. Muss jene Stimme zum Schweigen bringen, die hier die Willkür eines Unzurechnungsfähigen konstatiert. Womit die Rezension zu Ende wäre. Weiter hinten meldet sich eine Gegenstimme, die immerhin fragt, ob in dieser romantischen Ruine nicht zuweilen Reste von Logik und Poesie zu finden seien. Und wenn man der ein wenig lauscht - der Stimme in sich und dann dem Pianisten - muss man eingestehen, so wirr, unkoordiniert und brüchig ist dieses schon 1987 (!) aufgenommene Tschaikowski-Konzert nicht geraten, auch wenn es zuerst so wirkt.
Bizarr sind die Fortissimo-Attacken, denn Helfgott drischt, besonders bei Doppeloktaven, deren Anblick im Notenbild ihn aufzubringen scheint, einen substanzlos-metallischen Klang aus dem Flügel heraus, als würde da inmitten einer kultivierten Unterhaltung auf einen Blecheimer eingeschlagen. Jeden Akzent, Sforzati gar, rammt er ein, Kommata von Schockmomenten in ausrufendem Text. Das ist die zerrüttete Seite.
Doch über den Beginn der Kopfsatz-Kadenz muss man sich wundern. Wie die Stimmen so selbständig zu sprechen beginnen, wie er da plötzlich den langen Atem findet - das ist zweifellos poetischer, als alles, was uns Fazil Say im letzten Jahr vorzutragen hatte (siehe Rezension). Und nicht ohne schadenfrohes Schmunzeln nimmt man wahr, wie Helfgott am Beginn des Andantino den Dirigenten überrumpelt und das zäh-schleppende Tempo forciert, wie schlicht und unmanieriert er das Thema phrasiert. Gelingt es ihm, weil ihm der Begriff für Sentimentalität fehlt in seiner Welt?
Es gibt tatsächlich in diesem Trümmerfeld hochpoetische, dichte Augenblicke. Doch reichen uns diese Reste nicht, das Bildnis des Künstlers zu rekonstruieren. Aber weil dieses Künstlertum eben nicht willentlich in Trümmer fiel, kann man seine Äußerungen auch nicht verwerfen, als spiele da ein Olli Mustonen. Das "noch genügend", das ein Wettbewerbsjuror hier vielleicht zücken würde, es wird einer Veranstaltung nicht gerecht, in der die selbsttherapeutische Kraft der Musik nicht bloß erprobt, sondern gleichsam kommuniziert werden soll. Die Kritik hat bei diesem Phänomen zu schweigen.

Matthias Kornemann, 22.08.2002



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