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Peter Iljitsch Tschaikowski, Frédéric Chopin

Klavierkonzert Nr. 1, Fantasie f-moll op. 49, Polonaise As-Dur op. 53

Solomon, Hallé Orchestra, Hamilton Harty

Naxos historical 8.110680
(776 Min., 1929 - 1934) 1 CD

Wir sind geradezu konditioniert, manche Kompositionen ausschließlich mitfühlend, als Panorama der Affekte, zu erleben. Nimmt man uns die Rauschmittel virtuoser Rhetorik, beschweren wir uns gerne, dem Werk werde etwas vorenthalten. Bei diesem Tschaikowski-b-Moll-Konzert von monumentaler Nüchternheit ahnt man aber, dass Solomon Cutner, der legendäre, frühverstummte Beethovenspieler, im Tausch für emotionales Schwelgen in dieser frühesten seiner Aufnahmen etwas Kostbareres gewinnt.
Wer immer von Solomon spricht, wird Begriffe wie Herbheit, Kühle oder Distanz bemühen. Aber wie anders könnte man beschreiben, wie das zweite Thema auftritt: absolut rubatolos, mit metallischem, oberstimmenbetontem Timbre, und doch rührend zerbrechlich. Solomons anmutige Gebilde scheinen immer ein wenig zu frösteln. Der Beginn der Kopfsatz-Kadenz ist einer dieser Momente, in denen sich solomonische Korrektheit ins Magische kehrt. Wunderbar zart bindet er die beiden kontrapunktischen Stimmen der Rechten über der wogenden Linken, um diese synkopische Struktur auch im folgenden 16tel-Bad nicht aus dem Sinn zu verlieren.
Und wir fragen uns staunend, warum diese höhere Genauigkeit nicht trocken oder leer wirkt, nicht einmal in der Durchführung, deren dramatischen Kern Solomon in der Reibung von Zweier- und Dreierhythmen sieht. Wo Solomon elegant mit dem Rechenschieber jongliert, ist mancher russische Virtuose längst heißgelaufen. Solomon ist der dienend-korrekte Mediator, durch den die Essenz dieser Musik gleichsam hindurchtritt. Man höre nur, wie kunstlos er das Andantino-Thema phrasiert und aller Porzellanpuppen-Süßigkeit entkleidet.
Der Walzertraum, der sich im Kern des exemplarisch straff und dicht abgeschnurrten Prestissimo-Mittelsatzes findet, er könnte als sinnbildliche Episode von Solomons Interpretationsideals gelten - kein explodierender Tanz, sondern eine in zartesten Grau-in grau-Tönen gemalte, bedächtige Rekonstruktion kompositiorischer Vision. Und bei der Quasi-Andante-Kadenz, mit der dieser Spuk ausklingt, vergisst man zu atmen. Eine fast gebieterische Konzentriertheit nagelt uns in den Hörsessel.
Das gleiche Erlebnis bei Chopin - männlich entschiedener, aller bleichen Verzärtelung abgerückter, klang seine Musik selten. Solomon scheint der Idee, nicht dem interpretationsgeschichtlich gealterten, verzerrten Gesicht dieser Werke verpflichtet zu sein.

Matthias Kornemann, 18.04.2002



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