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Live in 3 2/3 / 4 Time

Don Ellis

Pacific Jazz/EMI 7243 5 23996 2 8
(75 Min., 10/1966, 3/1967) 1 CD

Warum ist der Trompeter, Komponist und Bandleader Don Ellis heute so gründlich vergessen? Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen hat er die viel beachteten Third-Stream-Konzepte seiner Anfänge um 1960 zunehmend mit Jazzrock-Elementen verwässert; zum anderen ist er 1978 mit nur vierundvierzig Jahren gestorben und damit aus dem öffentlichen Bewusstsein herausgefallen, bevor er seinen "Irrtum" korrigieren und sich an einer Synthese seiner verschiedenen Innovationen versuchen konnte.
Dieses in der Neuauflage um eine grandiose halbe Stunde verlängerte Live-Album (es war sein letztes für Pacific Jazz) erschien zu einer Zeit, als das Publikum für die abwegigsten Ideen offene Ohren mitbrachte: im Sommer 1967, als alle Welt neidisch nach Kalifornien blickte. Ellis verdankte seinen Erfolg einer feurigen, auch komplizierte Arrangements flüssig und locker bewältigenden Big Band, die sich ohne große Starsolisten gegenüber den Konkurrenzunternehmen profilierte, indem sie wie selbstverständlich mit den abwegigsten Taktarten jonglierte: Der Titel verkompliziert einen Elfachteltakt des optischen Effekts halber auf einen (in unserem Schriftbild nicht darstellbaren) Drei-Zwei-Drittel-Vierteltakt.
In der Balkan-Folklore oder der klassischen Musik Indiens sind solch ungerade Taktarten musikalischer Standard, und dass sie - einige Gewöhnung vorausgesetzt - auch durchaus zu swingen vermögen, demonstriert hier mit nur gelegentlichen Anflügen von Steife das Don-Ellis-Orchester, das über die populären Bemühungen des Dave-Brubeck-Quartetts auf "Time Out" weit hinausgeht: Was spricht eigentlich gegen einen "Freedom Jazz Dance" im Siebenertakt?
Eine mit drei (!) Bassisten und vier (!) Perkussionisten ungewöhnlich üppig besetzte Rhythmusgruppe zusätzlich zum massiven Aufgebot an Blech- und Holzbläsern macht ob der daraus erwachsenen Kosten besser verständlich, warum Ellis bald darauf mit elektronischer Klangverstärkung und -umwandlung zu experimentieren begann. Von der späteren Arbeit mit Vierteltönen ist hier noch ebensowenig zu spüren wie von kommerziellen Zugeständnissen. Statt dessen fand Ellis, der aus einem reichen Erfahrungsschatz mit so unterschiedlichen Bandleadern wie Charlie Barnet, Maynard Ferguson oder George Russell schöpfte, auf der Bühne von Shelly's Manne-Hole zu einem goldenen Mittelweg zwischen musikalischem Anspruch und Publikumswirksamkeit.

Mátyás Kiss, 31.08.2000



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