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75th Birthday Celebration

John Coltrane

Fantasy/ZYX FANCD 6061-2
(5/1956 - 12/1958) 3 CDs

Kaum zu glauben, dass John Coltrane diesen Herbst fünfundsiebzig geworden wäre - und noch weniger kann man sich vorstellen, welche Musik er in den fünfundreißig Jahren gemacht hätte, die seit seinem Tod verstrichen sind. Dafür hat er die zwölf Jahre, die ihm für regelmäßige, professionelle Aufnahmen vergönnt waren, so gründlich genutzt, dass er ein Riesenwerk von weit über hundert Langspielplatten in allen nur erdenklichen Konstellationen hinterließ.
Mehr als das: Seine Musik entwickelte sich in dieser Zeit so schnell und so kontinuierlich weiter wie die keiner anderen Jazzgröße: ein Armstrong oder Parker blieben bei der einmal er- und gefundenen Musizierweise, und selbst der für seine Häutungen berühmte Miles Davis veränderte weniger seinen Personalstil als die äußere Umgebung.
Als der RONDO-Autor Marcus Woelfle sich der Aufgabe annahm, aus den nur zweieinhalb Jahre umfassenden Prestige-Aufnahmen Coltranes drei CDs zusammenzustellen, muss ihm schnell klar geworden sein, dass er nicht einmal eine Kostprobe von jeder Platte unterbringen würde - zum Beispiel fehlen das etwas fade "Tenor Conclave" (mit Al Cohn, Zoot Sims und Hank Mobley) oder die vier Alben als Sideman von Red Garland. Doch kann man froh sein, dass "Trane" damals im Schnitt alle drei Wochen eine Platte aufnahm, denn innerhalb dieses überschaubaren Zeitraums, in den immerhin seine ersten Aufnahmen als Leader fallen, machte er eine entscheidende Entwicklung, ja tiefgreifende Wandlung durch.
Coltrane flog zwar Anfang 1957 wegen Unzuverlässigkeit vorübergehend aus dem Miles-Davis-Quintett, nahm dafür aber ein halbjähriges Engagement bei Thelonious Monk an, das ihn mit einem "musikalischen Architekten erster Ordnung" konfrontierte: Wenn er da nicht genau aufpasste, konnte es sich plötzlich anfühlen, "als wäre er in einen leeren Aufzugsschacht getreten", wie er es später ausdrückte.
Erst diese Form von Achtsamkeit ermöglichte ihm, auch die größten harmonischen Komplexitäten in einem halsbrecherischen Tempo zu meistern - davon kündet die dritte CD "Sheets Of Sound", die mit der wohl schnellsten möglichen Version von "Lover" beginnt, die auf herkömmlichen Instrumenten realisierbar ist. Coltranes viel zitierte "Klangflächen" ergaben sich aus der Vielzahl, dem Ohr nicht mehr einzeln erfassbarer kurzer Noten, die sich scheinbar zu einem Glissando verwischten.
In jene Zeit fiel aber auch das in den Liner Notes von "A Love Supreme" erwähnte spirituelle Erweckungserlebnis, das ihn nicht nur von der Alkohol- und Drogenabhängigkeit kurierte, sondern auch von einem begabten Hardbopper zum führenden Vertreter seines Instruments reifen ließ. Das erste Stück auf der ersten CD ist hierfür programmatisch: In "Tenor Madness" kam es zu einem freundschaftlichen Kräftemessen zwischen ihm und Sonny Rollins. Ob Rollins, der wichtigste Tenorsaxofonist der Fünfziger, da wohl ahnte, dass er dem einflussreichsten Musiker des kommenden Jahrzehnts gegenüberstand?
Und auch beim letzten, am zweiten Weihnachtsfeiertag 1958 im pianolosen Trio aufgenommenen Stück kann die Auswahl kein Zufall sein: "Goldsboro Express" ist eine der ganz wenigen Eigen-"Kompositionen", die auf Prestige-Platten auftauchen, während "Blue Train", Coltranes einziges eigenes Blue-Note-Album aus derselben Periode, gleich vier Titel aus seiner Feder enthält. Coltrane schien auf ein passenderes Umfeld für seine Musik zu warten, als es der Prestige-Vertrag ihm bieten konnte.
Keine drei Wochen nämlich trennen "Goldsboro Express" von der ersten Aufnahmesitzung für Atlantic, einer harmlosen Begegnung mit Milt Jackson. Bereits seine nächste Einspielung im Frühjahr, die "Giant Steps" und sechs weiteren großartigen Originals galt, sollte die Jazzwelt für immer verändern und einen weiteren Meilenstein in der Entwicklung Coltranes bilden. Hier bleibt festzuhalten, dass Marcus Woelfles Auswahl viel Mitreißendes, aber auch einiges Routinierte zu Tage fördert, wie es für die aus Geldmangel ungeprobte Jam-Session-Mentalität von Prestige typisch war. Heute lauscht man dem über weite Strecken einem gewiss umwerfend virtuos, dabei oft allzu technisch spielenden Coltrane mit weniger Gewinn als den anderen Mitwirkenden, denn im Laufe von dreieinhalb Stunden geben sich mehrere Dutzend der besten Musiker jener Tage die Ehre.
Als Pianisten sind am ausführlichsten Red Garland und der immer noch zu wenig beachtete Mal Waldron zu hören, der über Coltranes Augen die bewegende Ballade "Soul Eyes" schrieb. Kenny Burrell ging als der einzige Gitarrist, mit dem Coltrane je Aufnahmen machte, in die Annalen ein - Wes Montgomerys Gastspiel in seiner Band ist leider nicht dokumentiert. Die Rhythmusgruppen wechseln, aber mit der Basslegende Paul Chambers, der Coltrane später mit "Mr. P.C." ein tönendes Denkmal setzte, konnte man nie etwas falsch machen.
Und was schließlich die Trompeter angeht: Während Donald Byrd und Freddie Hubbard (der noch mehrfach mit Coltrane arbeiten sollte) am Anfang einer großen Karriere standen, gerieten die anderen, in diesem Kontext nicht weniger interessanten Musiker - Ray Copeland, Bill Hardman, Johnny Splawn, Idrees Sulieman und Webster Young - weitgehend in Vergessenheit. Der Flügelhornist Wilbur Harden entging diesem Schicksal haarscharf, indem er vor seinem gesundheitlich bedingten Rückzug aus der Szene für die Firma Savoy noch drei andere Platten mit Coltrane aufnahm.
Was mich neben dem ebenso blendend recherchierten wie kurzweilig geschriebenen Essay Woelfles an dieser Zusammenstellung am positivsten überrascht hat, ist der großartige Klang der (mit 20 bit remasterten) CDs: Obwohl nur die letzten sechs Titel (von siebenundzwanzig) in Stereo aufgezeichnet wurden, hat Rudy van Gelder damals eine noch immer maßstäbliche Balance und Tonfülle aller Instrumente erreicht: Gäbe es doch bloß ein paar so hochwertige Aufnahmen aus der besten Zeit Charlie Parkers!

Mátyás Kiss, 29.11.2001



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