Bei dieser Aufnahme von Rossinis Meisterwerk handelt es sich wieder einmal um eine Ausgrabungsleistung aus Bad Wildbad, dem "Pesaro des Nordens". Bekannt ist dieses Werk in der Erstfassung für San Carlo in Neapel, wo es am 3. Dezember 1820 uraufgeführt wurde. Es war die achte Oper und radikalste Reformoper für dieses Haus, wo Rossini ein grandioses Orchester und eine Reihe ausgezeichneter Sänger zur Verfügung standen. Bekannt wurde auch die etwas französisierende Pariser Fassung Siège de Corinthe von 1826. Noch nicht ins Bewusstsein gedrungen aber ist jene Version, die Rossini 1822 für die Eröffnungspremiere des Fenice schuf. Zu einer gründlichen Umarbeitung war er gezwungen, weil erstens das kleine San Benedetto in Venedig eine (unautorisierte) reduzierte Fassung des Maometto II herausgebracht hatte und das Fenice natürlich etwas "Neues" wollte, zweitens aber die Sänger nicht den Rang derer von Neapel hatten. Rossini tauschte zahlreiche Musiknummern aus, wobei die Anforderungen an die Sänger reduziert wurden, und komponierte ein "lieto fine" für die Tragödie, die insgesamt etwa 20 Minuten verlor. Die jungen Sänger der konzertanten Aufführung in Bad Wildbad vollbringen eine sehr gute Leistung. Der israelische Bassist Denis Sudov in der Titelpartie erreicht zwar nicht ganz die Wucht von Sam Ramey in der Philips-Aufnahme (1983) der Neapelfassung, doch gibt er die Partie charaktervoll und mit reinen Tönen. Herausragend die scalaerprobte Calbo der Anna-Rita Gemmabella, die über ein beeindruckend warmes tiefes Register und eine Fülle von Farben in der Stimme verfügt. Luisa Islam-Ali-Zade als Anna besitzt eine ausdrucksstarke Stimme, die keine Probleme mit den Koloraturen hat und die Dramatik der Rolle unterstützt, wiewohl sie bei ihrem raschen Vibrato an einigen Stellen überagiert. Massimiliano Barbolini, sehr jung für die Partie des Erisso, bewältigt diese sicher. Unter der Leitung des Australiers Brad Cohen als feurigem Rossinidirigenten erfreut die Aufnahme insgesamt durch selbstbewusste Dramatik, und trotz kleinerer Abstriche bei den Sängern ist sie insgesamt ein großer Gewinn für das CD-Repertoire, ein Muss für Rossini-Liebhaber!

Helga Utz, 08.01.2005



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