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Nikolai Rimski-Korsakow

Scheherazade, Russische Ostern

Atlanta Symphony Orchestra, Robert Spano

Telarc/In-Akustik CD-80568
(60 Min., 10/2000) 1 CD

Veröffentlichungen der Firma Telarc verpasst man fast schon mechanisch das Prädikat "audiophil". Nun ist die Klientel, die sich an aufnahmetechnischen Finessen erfreut, nicht eben identisch mit jener, die sich um Phrasierungsatem und Halbpedaleffeke kümmert. Rezensenten zählen oft zur zweiten Spezies, und ein Leser fragte neulich berechtigterweise, ob es nicht vielleicht auch ein Rolle spiele, mit welcher Ausrüstung ein Kritiker eine CD anhöre. Über solche Fragen setzt sich unsereins gerne hinweg mit der herablassend-technikverachtenden Aussage, die wesentlichen Züge einer Interpretation seien auch durch Rauschen und trogigen Klang billigster Boxen sprechend und vernehmlich.
Doch wenn es überhaupt ein Werk gibt, das ohne klangliche Präsenz gleichsam nicht existierte, dann "Scheherazade". Das Werk ist nicht bloß eine aufnahme-, sondern vor allem eine orchestertechnische Prüfung. Nicht zufällig stammen die meisten Beispiele in Rimskis berühmter Instrumentationslehre aus dieser Suite. Ihr Prinzip ist das fast lehrhafte Auffächern einzelner Stimmgruppen und, kontrastierend, ihr Ballen bis zur nahezu unausführbaren Bewegung von Massen.
Was die Solisten des Orchesters aus Atlanta hier vorführen, ist höchst eindrucksvoll und fern aller virtuosen Kühle, die man den US-Orchestern gern pauschal unterstellt. Die Sologeigerin, immerhin leiht sie der schönen Erzählerin quasi ihre Stimme, ist beseelt und fühlt sich sehr frei in ihrem Rhapsodieren. Auch die Parade der Holzbläserkantilenen am Beginn der Geschichte vom Prinzen Kalender, dem zweiten Teil, gerät warm und singend. Robert Spano gewährt hier große Freiheiten, ohne dass ihm der erzählende Zusammenhang zerfiele.
Eine geradezu unglaubliche Demonstration orchestraler Präzision spart er bis zum Schluss auf, der Schiffbruchsszene im vierten Satz. Ich habe weder das riesige Accelerando noch die gefürchteten Bläserrepetitionen jemals so gestochen scharf und aggressiv gehört. Das Erstaunliche ist, dass ein so Fritz-Reinerisch gedrillter Apparat eben doch noch so individuell und voller Scharm spielt. Man täte dieser Produktion Unrecht, beließe man es beim Lob der Aufnahmetechik.

Matthias Kornemann, 27.09.2001



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