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80th Birthday Celebration

Eddie "Lockjaw" Davis

Fantasy/ZYX FANCD 6063-2
(10/1951 - 6/1983) 3 CDs

Drei CDs, fast vier Stunden Musik eines Tenoristen, der bestimmt nicht den Rang eines Coltrane einnimmt. Wer braucht so etwas? Fast jeder, möchte ich hier vorwitzig antworten. Denn anders als Größen vom Schlage eines Brubeck, Miles oder Peterson, die wahrscheinlich auch in bescheideneren Sammlungen auf die eine oder andere Weise vertreten sind, ist der 1986 verstorbene "Lockjaw" nur den wenigsten ein Begriff - umso mehr ein Grund, sich näher mit ihm zu beschäftigen.
Was über Davis an biografischen und stilistischen Details zu wissen lohnt, breitet der gleichermaßen ausführliche wie tief schürfende Text meines RONDO-Kollegen Marcus A. Woelfle aus. Hier also nur wenige Stichpunkte: Nach einer Lehrzeit in verschiedenen Big Bands leitete Eddie Davis seit Beginn der Bop-Ära eigene Combos - bekannter machte ihn allerdings eine Mitgliedschaft im Count-Basie-Orchester, mit dessen Streben nach Intensität durch Vereinfachung Davis' Improvisationsmethode bestens harmonierte.
Ebensogut fand er sich in der kleinen Gruppe zurecht, die er mit der Organistin Shirley Scott leitete, bis diese sich mit ihrem Ehemann Stanley Turrentine zusammentat. Die Aufnahmen im sehr einflussreichen Format des Orgeltrios bilden das Herzstück der ersten CD. Was sich für unsere heutigen Ohren altmodisch anhört, entsprach dem damaligen Geschmack schwarzer Käuferschichten, die Gospel- bzw. Rhythm-'n'-Blues-Klänge bevorzugten.
Kompromissloser Bebop steht im Mittelpunkt der zweiten CD: In den frühen sechziger Jahren leitete "Lockjaw" mit dem ihm ebenbürtigen Tenoristen Johnny Griffin ein Quintett, das in der verhältnismäßig kurzen Zeit seines Bestehens eine Fülle guter Aufnahmen einspielte. Damit knüpfte es in freundschaftlicher Weise an die Tenorduelle an, die sich vor allem Dexter Gordon und Wardell Gray um 1950 geliefert hatten. Die Rhythmusgruppe war mit dem Gespann Junior Mance, Larry Gales, Ben Riley ideal bestückt.
Auf der dritten CD erleben wir Davis als Primus inter pares, genauer: im Umfeld des All-Stars- bzw. Montreux-Festival-Zirkus des Impresarios Norman Granz, wo er seiner Extravertiertheit vollen Lauf lassen konnte. Bis zuletzt war er ein siedend heißer, vor maskulinem Temperament nur so strotzender Spieler in der Tradition von Coleman Hawkins (mit dem er hier auch einmal zusammentrifft).
Die abwechslungsreich gereihten Einspielungen dieser Sammlung stammen überwiegend aus nur zwei, allerdings besonders fruchtbaren Perioden: 1958 bis 1962 und 1975 bis 1977. Trotzdem vermitteln sie einen repräsentativen Eindruck von der Kunst des "Lockjaw" Davis.

Mátyás Kiss, 04.04.2002



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