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Fugace

Gianluigi Trovesi-Ottetto

ECM/Universal 1827 066 583-2
(60 Min., 6/2002) 1 CD

Den Namen Trovesi muss man wohl vom italienischen Verb "trovare" - entdecken, (er)finden - ableiten, vom gleichen Wortstamm wie Trouvère und Troubadour. Gianluigi Trovesi ist einer der (er)findungsreichsten Musiker der Gegenwart. Die Kombination seiner Fundstücke überrascht stets aufs Neue und offenbart einen wahrhaft universellen Geist, dem nichts Musikalisches fremd zu sein scheint.
In der örtlichen Blaskapelle begann die Karriere des piemontesischen Klarinettisten, Altisten und Komponisten, der in seiner Jugend Tanzmusik ebenso gerne spielte wie Jazz und da wiederum - man hört es heute noch - so gegensätzliche Künstler wie Benny Goodman und Eric Dolphy verehrte. Denkt man sich dazu ein profundes Studium Alter und Neuer Musik, eine große Liebe zur Folklore, nicht nur zur heimischen, eine nie zu stillende Neugier und einen riesigen Schuss Humor, mit der all diese Quellen für die eigene Musik fruchtbar gemacht werden, dann ahnt man etwas von seinem Radius, ist aber immer noch nicht vorbereitet auf all die Kurzweil, die ein Album wie "Fugace" bietet.
"Fugace" heißt "flüchtig" und ist ein guter Verweis auf Trovesis Musik, die nicht nur wie jeder Jazz vom Improvisatorischen lebt, sondern wie ein Kaleidoskop sich ständig wechselnder Bilder erscheint. Mit all seinen überraschenden Wendungen, die wie filmische unerwartete Schnitte und Blenden wirken und all seinen Referenzen von Barock bis Rock ist es mehr als ein typisches Trovesi-Album geworden: ein quintessentielles, in dem viele Fäden aus früheren Werken zusammenfließen. Mit dem "Sogno d’Orfeo" etwa wird die für das Orchestre National de Jazz komponierte Monteverdi-Hommage "Sequenze Orfiche" weitergesponnen; hier führt ein frühbarockes Harmoniegerüst direkt nach Dixieland. Nach 17. Jahrhundert klingt es dafür dann dort, wo man es am wenigsten erwartet, in Bläserpassagen des "African Tryptich", in dessen zweitem Satz Trovesi dann wie ein ornetter Schlangenbeschwörer klingt. Immer wieder ist zwischen den einzelnen Szenen, denn so möchte man die Stücke intuitiv nennen, ein "Siparietto" (ein kleiner Vorhang) zu vernehmen: das Stück klingt, als stamme es aus der Feder Scarlattis, womit Trovesi bei seinem für das Italian Instabile Orchestra komponierten "Scarlattina" ansetzt. Wer Trovesis Musik kennt, wird also auf viele vertraute Motive stoßen. Auch oder vielmehr gerade ein so sehr nach Abwechslung dürstender Musiker wie Trovesi kommt nicht ohne Fixpunkte aus. Sie sind aber kaum mehr als Startrampen, von denen aus es überall hingehen kann.
Ein überraschender Fixpunkt des Albums ist Louis Armstrong, den der Trompeter Massimo Greco bisweilen evoziert. Armstrongs Einleitung zum "West End Blues" versteckt sich im "Canto di lavoro", ein Arbeitslied, das nicht nur nach schwarzem "Worksong" klingt, sondern auch mit industriegeräuschhafter Elektronik aufwartet und im "Blues And West", der im Übrigen wie eine Verbeugung vor Ornette Coleman klingt. Eindeutig eine Verbeugung vor Satchmo ist "Ramble".
Besondere Erwähnung verdient die ungewöhnliche Besetzung des Oktetts: Zwei Blechbläser, zwei "holzige" Instrumente, zwei Bassisten, zwei Schlagwerker - fast möchte man es Doppelquartett nennen, handelt es sich doch um etwas ganz anderes als eine normale Jazzrhythmusgruppe mit Solisten. Gianluigi Trovesi und seine Kollegen, der Posaunist Beppe Caruso, der Trompeter Massimo Greco, der Cellist Marco Remondini, die Bassist Roberto Bonati und Marco Micheli, der Perkussionist Fulvio Maras und der Drummer Vittorio Marinoni haben mit "Fugace" ein Album vorgelegt, dem trotz des Titels, den man auch mit "kurzlebig" übersetzen kann, ein lang anhaltender Erfolg beschieden sein dürfte.

Marcus A. Woelfle, 16.08.2003



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