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Experiencing Tosca

Tethered Moon

Winter&Winter/Edel Contraire 910 093-2
(56 Min., 12/2002) 1 CD

Wer hinter dem Titel ein weiteres Konzeptalbum neudeuterischer Um- und Anverwandlung spätromantischer europäischer Musik befürchtet, wird aufs angenehmste enttäuscht. Tethered Moon ist das legendäre Klaviertrio, bestehend aus dem Pianisten Masabumi Kikuchi, dem Bassisten Gary Peacock und dem Schlagzeuger Paul Motian, und alle drei sind Altmeister des offenen freien Spiels, sind Virtuosen des Weglassens und des Warten-Könnens. Schon bei ihren Alben "Play Kurt Weill" und "Chansons d’Edith Piaf" haben sie erst gar keine Jazzadaptionen versucht, sondern vielmehr konsequent das klassische Jazzverfahren weiterentwickelt, das aus vorgefundenen Themen eigenständige Standards destilliert: Tethered Moon treibt diese Destillationsmethode auf die Spitze, reduziert Songformen auf molekulare Motivstrukturen, bezeugt doch dem Original tiefen Respekt, indem die emotionale Reaktion darauf im Destillat mit eingedampft wird. Bei "Experiencing Tosca" ist Tethered Moon mit diesem Verfahren am weitesten gegangen. Ob man beim Zuhören Tosca kennt oder erkennt, ist unerheblich, vermittelt wird die in Klänge umgesetzte emotionale Erfahrung des Trios mit der Tosca-Musik, und diese Erfahrungsvermittlung ist mit dem eigentlichen Tosca-Material nur sehr abstrakt verknüpft. Die einzelnen Tracks spielen mit dieser Camouflage und haben neutrale Titel. Ein konstanter Faktor dabei ist ein schwulstbefreites Pathos, an dessen schwerem Geburtsprozess uns leider der Pianist bzw. die Aufnahmeregie lautstark teilhaben lässt; Wimmern, Grunzen und Stöhnen drohen manchmal die Anschlagsnuancen zu überdecken. Die beglückendste Hörerfahrung bei diesem Experiencing ist das Bassspiel Gary Peacocks. Es ergänzt und inszeniert die Pianistik, weist nach vorne und ist dabei doch so offen, dass fast alle Richtungen möglich bleiben. Kongenial spielt Paul Motian ein rhythmisch-klangmelodisch radikal reduziertes Schlagzeug dazu, das eben durch das Weglassen ungeheure Spannung schafft. Wer will, kann diese CD auch als Ratespiel für Tosca-Kenner verwenden, doch die Eigenständigkeit der Musik wird dem bald ein Ende bereiten, und wenn dann schließlich in "Ballad" tatsächlich ein Arrangement von "E lucevan le stelle" auftaucht, wird es suggestiv als Tethered Moon gehört.

Thomas Fitterling, 07.02.2004



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