Responsive image

I’m All For You

Joe Lovano

Blue Note/EMI 596 922-2
(59 Min.) 1 CD

Sicher: Joe Lovano gilt zu Recht als der wahrscheinlich wichtigste, kompletteste und bewundernswerteste Tenorsaxofonist unserer Tage. Egal, was er in den vergangenen Jahren anpackte - die eigenwilligen Trio-Anordnungen auf "Flights of Fancy", die überraschend überwältigende Anverwandlung italienischen Opern- und Liedguts auf "Viva Caruso" - es wurde etwas ganz Besonderes daraus. Für seine Balladensammlung "I’m All for You" gilt das nach einem ersten, oberflächlichen Hinhören hingegen überhaupt nicht. Staubbeflockt klingt das alles, altbacken und ein bisschen dröge. Nichts gegen die Verneigung vor der Tradition, auch gerade dann nicht, wenn mit Hank Jones ein 85-jähriger Grandseigneur am Klavier sitzt. Man beginnt zu grübeln. Die Größe des Jazz liegt doch eigentlich in seiner Fähigkeit, unmittelbar auf die Gegenwart reagieren zu können. Warum dann unentwegt diese Flucht in die Gemeinplätze der Vergangenheit? Man regt sich auf, denkt sich regelrecht in Rage und hört gar nicht mehr richtig zu.
Das ist allerdings ein großer Fehler bei dieser CD. Man muss nämlich fein aufmerken, um mitzukriegen, was für seltsame Dinge Lovano, Jones, Bassist George Mraz und Schlagzeuger Paul Motian da aus Stücken wie "Stella by Starlight" oder "Like Someone in Love" machen. Ständen die Titel nicht auf der Hülle, hätte man sie auf Anhieb nicht erkannt. Weil Lovano und Co. etwas gänzlich Neues aus den Melodiesteinbrüchen und Harmoniegerüsten hervorgezaubert haben. Und so verneigt man sich in Demut. Wenigstens das Hirn fühlt sich jetzt angesprochen. Das Gemüt jedoch immer noch nicht.

Josef Engels, 07.08.2004



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Eine Reise zu zweit, a Journey for Two, haben sich Vashti Hunter und Jonian Ilias Kadesha dem Titel ihres ersten Duo-Albums nach vorgenommen. Doch wo soll sie hingehen? Als diskografisches Reiseziel erwählte das Musikerpaar die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, genauer die Musik von Iannis Xenakis, Zoltan Kodaly, Arthur Honegger und Nikos Skalkottas. Das Zusammenhalt stiftende Element dieser durchaus in die Repertoireperipherie führenden Zusammenstellung liegt in den volksmusikalischen […] mehr »


Top