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We Thought About Duke

Franz Koglmann, Lee Konitz

Hat/Harmonia Mundi 543
(56 Min., 6/1994) 1 CD

Ein Ellington-Tribut? Oft eine seltsam berührende Sache. Überflüssig, wenn eine mittelprächtige Big Band die Greatest Hits des Meisters spielt, in flachen Arrangements, denen der Geist des Duke ebenso fehlt wie seine individualistischen Solisten. Langweilig, wenn eine Gruppe von Ellington-Veteranen, die schon bessere Tage erlebt haben, jene vergeblich zu beschwören trachten. Peinlich, wenn eine Opernsängerin ohne Jazz-Feeling ...
Dass Franz Koglmann, der scharfsinnige Vertreter kammermusikalisch coolen Third Streams, im 20. Todesjahr Ellingtons keine 0815-Hommage abliefern würde, war abzusehen. Als Komponist, Arrangeur und Trompeter in Personalunion war er freilich an mehr als an einer Reihe guter Chorusse über Standard-Themen interessiert. Er fügte zwei seiner Formationen die gewichtige Stimme der Cool-Ikone Lee Konitz hinzu: zum einen dem "Pipe Trio" mit dem Posaunisten Rudolf Ruschel und dem Tuba-Spieler Roul Herget, zum anderen dem Monoblue Quartet mit dem Gitarristen Burkhard Stangl, dem Bassisten Klaus Koch und dem Tenoristen Tony Coe, der hörbar von Ellingtons Paul Gonzalves beeinflusst wurde.
Wie Ellington setzt Koglmann die Klangfarben und Fähigkeiten der Solisten geschickt ein, geht aber so frei mit den Vorlagen um, dass die Stücke, wenn man sie nicht kennte, durchaus als moderne Originals des Österreichers durchgehen könnten. Und die Möglichkeit, das man sie nicht kennt, ist hoch, handelt es sich doch - abgesehen von "The Mooche" - um Ellingtonische "Nevergreens" wie "Zweet Zursday" oder "Love Is In My Heart". Koglmanns drei Originals "Thoughts About Duke" tanzen, obwohl wenige unvorbereitete Hörer bei ihnen "an Ellington denken" dürften, denn auch nicht aus der Reihe.
Franz Koglmanns Freude an der Abstraktion geht einher mit einem Hang zu gedämpften Stimmungen. Nicht die pralle Sinnenfreude, der tänzerische Überschwing des Duke stand hier Pate, sondern dessen musikalisches Trauern. Mit dem "Lament For Javanette" geht's los und mit einem Trauermarsch von Strayhorn endet das Programm. Die schwarze Bluesigkeit, bei Ellington schon eine braun und beige Indigo-Stimmung, wird in die weiße europäische Melancholie übersetzt.
"We thought about Duke" ist nichts für Swinger und Fingerschnipper, doch ein ebenso intelligenter wie aufrichtiger Ellington-Tribut. Man empfände das Album als seltsam blutleer und kopflastig geratene Verbeugung vor einem Mann, dem das "dance", "jump", und vor allem "swing" nicht gerade unwichtig waren, hätte man es nicht immer wieder mit Klängen zu tun, die tief berühren. Sie gehen vor allem auf das Konto von Lee Konitz, dessen Improvisationen direkt zum Herzen dringen.

Marcus A. Woelfle, 19.09.2002



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