Energiegeladen stürzt sich Isabelle van Keulen ins Wunderland französischer Violinliteratur – ein diskografischer Glücksfall. Saint-Saëns’ erste Sonate (die mit dem „Proust-Thema“, Swanns „kleiner Melodie“) gerät schnell zur Zuckerwatte mit hohlem Perpetuum-mobile-Anhang. Isabelle van Keulen aber treibt das Salon-Sentiment gründlich aus. Die Tempi sind straff, der Ton ist absichtsvoll entsüßt, gelegentlich schneidend. Auch wenn sich Swann und Odette dabei wohl nicht ineinander verliebt hätten, für das Stück ist es ein Rettungsweg.
In der herrlichen Milhaud-Sonate dürfen die Geigerin und ihr Klavierpartner Ronald Brautigam dann ihren Klangsinn schweifen lassen. Doch Kantables wird nur in homöopathischen Dosen geboten. Selten klang die Ravel-Sonate mehr nach Glasbau – metallisch kalt und durchsichtig; im jazzigen Mittelsatz allerdings fliegen die Scherben, da wachsen dem Blues Bartók-Brutalismen zu.
Fazit: Kompromißlose und furiose Interpretationen im Grenzbereich der Repertoire-Raritäten. Vielleicht führt uns Isabelle van Keulen ja demnächst zu ganz vergessenen Plätzen – die Sonaten Magnards und Castillions ruhen uneingespielt ...

Matthias Kornemann, 31.01.1997



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