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Vietnam Reflections

Billy Bang

Justin Time JUST 212-2
(70 Min., 5/2004) 1 CD

Bist du für oder gegen den Vietnamkrieg? Diese Frage entzweite die Generation der so genannten 68er. Die USA führten in dem asiatischen Land Krieg – mit Napalm, dem Entlaubungsgift Agent Orange und Morden an der Zivilbevölkerung. Sie zogen sich 1973 zurück, aber das Trauma blieb. Bei den Soldaten und bei den Politikern. Der Geiger Billy Bang war dabei, als Soldat, und er überlebte. Nach der Heimkehr wurde er Jazzgeiger, zunächst in der Avantgarde-Szene von Chicago und später in den Gefilden des gefälligen, vom Jazzrock unterlegten Mainstream. Dreißig Jahre nach Kriegsende veröffentlichte er das Album "Vietnam: The Aftermath", und zwei Jahre später folgt "Vietnam: Reflections". In der unmittelbaren Nachkriegsära wäre wohl vor allem Wut zu spüren gewesen. Doch nun erinnert sich der Geiger an den pulsierenden Jazzrock und die heroischen Gesten der damaligen Politsongs. Billy Bang und seine Freunde wirken nicht böse, sondern nachdenklich, fast schon nostalgisch. Amerikaner und Vietnamesen können Freunde werden, und so hat er mit "Ru Con", "Ly Ngua O" und "Trong Com" drei traditionelle vietnamesische Songs im Repertoire. Mehr noch: Die Sängerin Co Boi Nguyen und der eine vietnamesische Form der Zither spielende Nhan Thanh Ngo bringen die Kultur ihrer Heimat ein. So entstand eine besinnliche, friedliche Disc, in der eine tiefe innere Harmonie die Erinnerung prägt und stellenweise der Jazz mit der vietnamesischen Folklore verschmilzt. John Hicks am Flügel, der Flötist Henry Threadgill sowie Butch Morris als Leiter und andere unterstützen ihn bei dieser von aller Hektik freien Scheibe. Die Melodien entwickeln sich langsam, oft selbstvergessen, und Billy Bangs Bogenstrich ist ausgewogen. Diese Musik muss keinen Alptraum mehr verarbeiten. Sie passt zu einem Land, das sich – allen Zerstörungen zum Trotz – zu einem attraktiven Reiseland für westliche Touristen mausert. Für die Hotelbar sind die melodienreichen, manchmal sentimentalen Kompositionen trotzdem zu anspruchsvoll.

Werner Stiefele, 10.09.2005



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