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Peace

Chet Baker

Enja/Soulfood ENJ-2123 2
(53 Min., 2/1982) 1 CD

Es ist gut 37 Jahre her, da gründeten Matthias Winckelmann und Horst Weber ihre Plattenfirma enja (eigentlich "European New Jazz"), zu einer Zeit also, da die Zukunft des Jazz zwischen Absetzungstendenzen der Verwertungsindustrie und den oft von ihr forcierten Fusionbemühungen reichlich konfus erschien. In Europa hielt man dagegen, schließlich waren die Altmeister dieser Musik immer noch auf der Höhe ihrer Schaffenskraft, und eine Generation aufregender junger Musiker sah sich um ihre Verwirklichungsmöglichkeiten betrogen. So produzierte enja in der Tradition von Blue-Note Modern und New Jazz in radikal akustischer Form. Jetzt öffnet die Firma regelmäßig ihr Schatzkästlein und legt die damals epochemachenden Produktionen als 24bit Master Edition in neuer Verpackung als CDs vor. Die neue Staffel der Wiederveröffentlichungen ist besonders spannend, macht sie doch das unterschiedliche Altern musikalischer Ansätze erlebbar. Der letzte Karriereabschnitt von Chet Baker, dieser tragischen James-Dean-Figur der Jazztrompete, ist mannigfaltig dokumentiert, doch kommt kaum eine der späten Aufnahmen an die melancholische Ausgewogenheit und Perfektion von "Peace" heran, für die enja den Vibrafonisten und Marimbaspieler David Friedman mit Buster Williams am Bass und Joe Chambers verpflichtete. Das Archie-Shepp-Album "Steam" (Enja/Soulfood ENJ-2114 2, aufgenommen 3/1976) ist, wie der Name suggeriert, ein Powerplay-Album. Auch die minimale Besetzung im Trio lässt hier dem Zuhörer vor lauter Dichte kaum Raum zum Durchatmen. Damals war dies bejubelte Avantgarde, heute ist des Jazzers Ohr auf nuancierte Zwischentöne sensibilisiert, und daher wirkt jetzt das Duo des Pianisten Walter Norris mit dem Bassisten George Mraz aufregend aktuell und berückend, das enja im August 1974 unter dem Titel "Drifting" produzierte (Enja/Soulfood ENJ-2124 2). Avantgardistisch und doch zeitlos aktuell sind die Aufnahmen, die der viel zu früh verstorbene, geniale Multiinstrumentalist Eric Dolphy im September und November 1961 in Stockholm aufnahm. Mit John Coltrane war er nach Europa gekommen, und für eine Fernsehshow spielte er mit einer schwedischen Band mit amerikanischen Exilmusikern ein beeindruckendes Programm ein, das aber letztlich auf seine überragenden Aufnahmen für Prestige verweist, auf denen er die Bassklarinette als modernes Soloinstrument durchsetzte und mit aberwitzig anmutenden und doch so logischen Altsaxofonlinien den Herausforderungen eines Ornette Coleman ein tonal verankertes Paroli bot.

Thomas Fitterling, 28.07.2007



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