Responsive image

What Exit

Mark Feldman

ECM/Universal 9876537
(71 Min., 6/2005) 1 CD

Schon in den 1950er Jahren träumten der Hornist Gunther Schuller und seine Freunde von der Integration von Jazz und Klassik. Dieser "Third Stream" brachte wenig Geglücktes. Nun verkündet der Geiger Mark Feldman, er wolle eine "wirklich organische Integration von Klassik und modernem Jazz" - und bei ihm funktioniert die Verschmelzung tatsächlich. Anders als in den 1950ern bei Schullers "Jazz And Classical Music Society" werden nicht dem einen Feld Elemente des anderen aufgepfropft. Stattdessen bringen Feldman, der Pianist John Taylor, der Bassist Anders Jormin und der Schlagzeuger Tom Rainey zusammen, was zusammen passt. Das ist der weitgehende Verzicht auf Songs. Stattdessen bevorzugen die vier Musiker organisch entwickelte Abläufe, unter die sie - beispielsweise in "Ink Pin" - auch Passagen mit Songanklängen mengen. Im 23minütigen "Arcade" scheinen die vier alle Zeit dieser Welt zu haben. So dauert es fast sieben Minuten, bis in ihre von langen, stehenden Tönen geprägte Klanglandschaft etwas Bewegung kommt - und auch dies nur in homöopatischen Dosen. Die freie Interaktion hat hier ebenso Platz wie Bezüge auf die indische Musik, die Jazztradition, Barockmusik und freie Improvisationen. Dieses beständige Vermengen prägt die Disc. Mal fühlt man sich der Neuen Musik nahe, mal schimmern Akkordfolgen des Jazz auf, mal führen Klangfelder ins Freie. Dabei entwickelt sich die Programmfolge immer stärker in Richtung Song - zunächst im gebrochen spanisch anmutenden "Maria Nuñez" und zum Abschluss mit "What Exit", dem Titelstück, in das Mark Feldman Bezüge auf die Jazzgeige von Stephane Grappeli bis Michal Urbaniak eingearbeitet hat und mit seinen Partnern bis kurz vor einem furiosen Finale swingt. Aber auch ein impulsives Zwischenspiel kann den swingenden Schluss nicht verhindern. Fast scheint es, als wolle sich Feldman nach all den ungewöhnlichen Stücken noch einmal seiner Jazzherkunft versichern und nach einer Klangreise jenseits der Tellerränder des swingenden Jazz und des Free Jazz in populärere Gefilde zurückkehren.

Werner Stiefele, 10.11.2006



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Ahnengalerie: Im Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat man es schon schwer als Komponist. Mozart, Beethoven, Schubert – übermächtig liegt auf allen Gattungen der Glanz der Heroen, die den klassischen Kanon geschaffen hatten. Was kann man dem noch hinzufügen? Johannes Brahms, dem man oft melancholisches Zaudern unterstellte, setzte sich in Wirklichkeit besonders lange und eingehend mit diesen Vorbildern auseinander, bevor er seinen Beitrag stimmig empfand. So ist sein Werk […] mehr »


Top