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Sergei Rachmaninow

Klavierkonzert Nr. 2, Paganini-Rhapsodie op. 43

William Kapell, Philadelphia Orchestra, Fritz Reiner

Naxos historical 8.110692
(57 Min., 7/1950, 6/1951) 1 CD

So verkleistert sind unsere Gehörgänge heutzutage von öligen Klängen angeblich poetischer Rachmaninow-Entwürfe - ein Bernd Glemser bleibt leuchtende Ausnahme -, dass das Spiel eines William Kapell einer reinigenden Therapie gleicht. Als der achtundzwanzigjährige Amerikaner 1950 das c-Moll-Konzert aufnahm, gab es diesen internationalen Stil wankender Tempi und plüschigen Bombastes noch gar nicht. Alle Großen - Rubinstein, Gieseking, aber auch der Komponist selbst - nahmen den Kopfsatz zügig und blieben unter zehn Minuten. Heute sind über elf die Regel, ein mehr an Rühren in fettiger Schokoladensauce.
Kapell aber ist vermutlich der erste Interpret des Populärwerkes, der die Tempo-Dramturgie dieses Satzes so verwirklicht, wie sie geschrieben steht. Alle Pianisten, die rasch beginnen, nehmen das Seitenthema etwas ruhiger, um in seinen lyrischen Weiterungen zu verweilen und dabei etwas weichlich zu werden. Sogar Rachmaninow bricht mit seiner Notation. Kapell aber zieht ohne Schwankungen im zügigen Anfangstempo durch das Themenfeld, das unverhofft so klar, so lauter daherkommt wie Eiswasser in einem Gebirgsbach. Kompromisslos hört er die Durchführung als lineare Beschleunigung, und mit dem stählernen Ton des versierten Prokofjewspielers hämmert er die letzten Steigerungswellen aus. Dieser Rachmaninow blickt nach vorn.
Die Paganini-Rhapsodie ist in ihrer aggressiven Schärfe und Transparenz womöglich noch gelungener. Auch hier wird der emotionale Höhepunkt, die 18. Variation, mit einem fast scheuen Gefühls-Minimalismus - absolut durchhörbar, kühl und mit nahezu unmerklichen Rubati - von den trüben Schlacken des Sentimentalen befreit. Doch selbst dieses keusche bisschen Gefühl fegt Kapell in den folgenden Variationen mit geradezu zähnefletschendem Sarkasmus beiseite.
Die Wildheit, in die er sich bis zum Ende steigert, bedurfte des Raubtierbändigers Fritz Reiner, der Kapells Stil im Orchester mit unglaublicher Präzision aufnimmt. Das war ein Interpret, wie ihn Reiner liebte. Als er das Stück später mit dem etwas lahmenden, seine manuellen Schwächen in weicherem Klangbild kaschierenden Rubinstein einspielte, dirigierte er lascher.
Wahrscheinlich hätte sich die Geschichte der Rachmaninowinterpretation anders entwickelt, wäre Kapell nicht bereits 1951 tödlich verunglückt. Immerhin hinterließ er uns einige der unsentimentalsten, modernsten Rachmaninow-Aufnahmen der Schallplattengeschichte.

Matthias Kornemann, 13.06.2002



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