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Sergei Rachmaninow, Alexander Skrjabin, Sergei Prokofjew

Sonate Nr. 2, 3 Etüden op. 8, Romeo und Julia

Eugene Mursky

Hänssler/Naxos 98.412
(64 Min., 3/2001) 1 CD

Es ist gefährlich, einen jungen Pianisten zu beurteilen, den man bloß von der Schallplatte kennt. Die beiden Hänssler-Produktionen mit Eugene Mursky wären der beste Beweis für diese These. Eine jetzt veröffentlichte Beethoven-Schumann-Koppelung stammt von 1997. Ganz offenbar ist die Aufnahmetechnik ungünstig, ist das Instrument überhart intoniert. Der Klang ist trocken-metallisch und im Diskant geradezu schrill. Hinter dem schnörkellosen, etwas steifen Beethoven ahnt man die Unsicherheit auf diesem heiligen Boden, und teilweise wird die magere Tonqualität auch dieser Hemmung zuzuschreiben sein. Das ist verzeihlich, selbst ein Swjatoslaw Richter verlor sie nie ganz.
Dieses russische Programm zeigt uns einen völlig anderen Pianisten. Man darf Aufnahmetechnik und Instrument preisen. Diesen warmen und immer gut gepolsterten Klang, den produziert jemand, der sich in diesem Repertoire wohl fühlt. Wir bemerken, dass man Zöglingen russischer Konservatorien immer noch den goldenen Ton mitgibt.
Die drei Etüden Skrjabins kann man angriffslustiger, kantiger hören wie zuletzt bei Elena Kuschnerowa (siehe Rezension), aber der üppige Faltenwurf, die gemächliche rhetorische Geste, der kleine klangliche Bauchansatz, sie stehen diesen luxuriösen Chopin-Huldigungen ganz gut. Die Last dieses Stils würde Skrjabin bald abwerfen wie eine überschwere Samtrobe.
Mursky selbst wirft sie ab in einer wunderbar klaren und ausdifferenzierten, die Höhepunkte sparsam und kräftig aufbauenden b-Moll-Sonate Rachmaninows. Er nimmt sich sehr zurück und schält thematische Bezüge heraus, die der Durchschnittsdonnerer überrollt. Schön zeigt uns Mursky Rachmaninows polyfone Finessen, etwa wie das Thema des ersten Satzes als Kontrapunkt des Finale-Kopfthemas auftritt. Solche Vertikalschnitte mögen den Bewegungszug des Finales stauen, das manchmal etwas vor den Taktstrichen steht. Doch mit den zauberhaft singenden Pianissimi des Lento hat uns Mursky längst überzeugt: Rachmaninow spielt er sensibler und persönlicher als manch bekannterer Spezialist.
Und auch die klanglich sehr kultivierte, durchaus ein wenig von spätromantischer Klangästhetik gefärbte Romeo-und-Julia-Musik hebt sich wunderbar ab vom Prokofjew-Getrommele vieler Jungpianisten.

Matthias Kornemann, 10.01.2002



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