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N° 1273
01. - 07.10.2022

nächste Aktualisierung
am 08.10.2022



Für alle diejenigen, die sich für den genialen Giacomo Puccini interessieren, den schönsten Komponisten des Jahrhunderts, den melancholischen Lebemann mit den flotten Autos und den traurigen Arien, ist diese Aufnahme genau das Richtige. Es ist faszinierend zu hören, wie der Komponist zu sich selbst, zu seinem unverwechselbaren Stil findet. Für seine erste Oper "Le Villi" hatte er etwa vier Monaten gebraucht, an "Edgar" dokterte er zweieinhalb Jahre lang herum; vier verschiedene Fassungen wurden zwischen 1889 (Mailand) und 1905 (Buenos Aires) uraufgeführt. "E un organismo deficiente" schrieb er später über “Edgar" und seine lebenslange Librettistenallergie mag in der Zusammenarbeit mit Ferdinando Fontana wurzeln. Der war zwar ein Meister in Vergeben von sprechenden Namen, sonst aber spricht nichts aus diesen wirren Szenen im Flandern des Jahres 1303. Das treu liebende Bauernmädchen heißt "Fidela", die böse Rivalin aber "Tigrana", womit auch schon die Handlung skizziert ist. Die typische Charaktertrübheit des Titeltenors bewegt die Zahnräder der Handlung: er kann sich zwischen den Frauen nicht entscheiden (der saubere Sopran auf der einen Seite, die Madonna, der schmutzige Mezzo auf der anderen, der Hurenseite) und wird so schuldig am Tod der Guten, die hinterrücks von der Bösen erstochen wird. Tigrana (wunderbar: Mary Ann McCormick) ist die einzige Mezzopartie Puccinis geblieben; zu ihr ist ihm tatsächlich auch nicht allzu viel Eigenständiges eingefallen. Angelegt ist jedoch die puccineske Sopransüße in der Fidela (ganz und gar großartig: Julia Varady), besonders in ihrer überwältigenden Szene "Addio, mio dolce amor" im dritten Akt. Julia Varady bringt die Rollenerfahrung der großen Puccini-Frauen ein, die mit ihrer starken Liebe an den schwachen Männern zerschellen, und beweist wieder einmal, dass Jugend relativ ist. Überzeugend auch der amerikanische Tenor Carl Tanner als Edgar und sehr gut sein Bariton-Freund und Nebenbuhler Dalibor Jenis. Das Orchestre National de France spielt unter der Leitung von Yoël Levi in Hochform, kraftvoll und klug werden die Steigerungen disponiert, den Sängern die Tempi gewährt, die sie für ihre großen Leistungen benötigen und dem Orchester alle Farben entlockt.

Helga Utz, 29.11.2003



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